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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.09.2015

"Der begrabene Riese" von Kazuo IshiguroVom Kampf um die geraubte Erinnerung

Von Joachim Scholl

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Kazuo Ishiguro, britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. (picture alliance / dpa / Daniel Deme)
Kazuo Ishiguro, britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. (picture alliance / dpa / Daniel Deme)

Kobolde und blutrünstige Menschenfresser, Ritter und ein alter Recke: Kazuo Ishiguro fährt für sein "Der begrabene Riese" die großen Instrumente der Historienromane und Fantasy-Blockbuster auf. Doch am Ende kommt alles ganz anders.

England im 6. Jahrhundert nach Christus: Nach den Völkerschlachten zwischen Sachsen, Angeln und Bretonen herrscht ein labiler Friede. In einem Dorf lebt das betagte Paar Axl und Beatrice, zwei "Britannier", wie sie genannt werden. In der Gemeinschaft sind sie Außenseiter, übel gelitten, und so sie beschließen, trotz ihres hohen Alters eine Reise zu ihrem Sohn zu unternehmen, der einige Tagesreisen entfernt in einer anderen kleinen Siedlung wohnen soll.

Wo genau, wissen Axl und Beatrice allerdings nicht, wie sie sich überhaupt kaum an diesen Sohn und die gemeinsame Vergangenheit erinnern. Denn ein merkwürdiger Nebel liegt über dem Land, ein Dunst, der den Menschen die Erinnerung raubt und sie in einer permanenten, ungewissen Gegenwart hält. Und dass dieser Nebel vom Atem eines leibhaftigen Drachens stammt, ist eine der ersten Pointen dieses sonderbar schillernden Romans.

Wer die großen Werke von Kazuo Ishiguro kennt - von "Was vom Tage übrigblieb" über die "Die Ungetrösteten" bis zu "Alles was wir geben mussten" -, der wird jetzt "Hoppla!" sagen. Angesichts einer Geschichte, die alle typischen Bestandteile einer Fantasy-Saga hat: Neben dem Drachen treiben noch allerlei Kobolde und blutrünstige Menschenfresser ihr Unwesen, Ritter schwingen das Schwert, ein alter Recke aus der Artus-Runde darunter, geheimnisvolle Fährmänner rudern über dunkle Gewässer, und die Reise von Axl und Beatrice entwickelt sich zu einer klassischen „Queste", einer Such- und Irrfahrt, in deren Verlauf sich auch klärt, dass Axl einst ein ganz anderer war...

Und natürlich: ein überraschender Schluss

Wie stets in Kazuo Ishiguros Romanen gibt es einen überraschenden Schluss, der alles bis dahin Geschehene in völlig anderem Licht erscheinen lässt, ein originelles Ende, das man keinesfalls verraten darf. Dennoch werden sich selbst erklärte Ishiguro-Fans mit diesem Buch vermutlich schwertun. Zu fremd, zu weit entfernt liegt dieses Britannien einerseits, zu vertraut und stereotyp abschreckend wirkt andererseits das Fantasy-Ambiente, wie es sich durch TV-Serien à la „Game of Thrones" weltweit verbreitet hat. Und Kazuo Ishiguros schon legendäre Sprachmelodie, der leise, vornehm-diskrete Erzählton, wirkt zunächst seltsam fehl am Platz, müht sich förmlich, jene existenzialistische Stimmung und Tiefe zu erzeugen, die alle bisherigen sechs Ishiguro-Romane zu einem literarischen Ereignis machten.

Am Ende aber triumphiert der Meister! Trotz Schwerterklirren und Drachen-Gemurkel setzt sich die Metapher der geraubten Erinnerung durch. Sie ist der ‚begrabene Riese', die Kraft, ohne die kein sinnvolles Leben, keine Biographie möglich ist, aber zugleich auch die destruktive Energie von Rache und Vergeltung enthält. Diese Frage stellt Ishiguro: Was wäre, wenn man vergessen könnte, ganze Völker sich nicht erinnern könnten, was sie einander angetan haben. Wäre solcherart fehlende Erinnerung nicht auch ein Segen? Soll man den Drachen also lieber weiter atmen lassen, oder muss man ihn töten, weil aus bösen Taten der Vergangenheit niemals gute Gegenwart erwachsen kann? Und von fern erklingt das große Thema, das der Autor in seiner gesamten Literatur variiert: Nach welchen Prinzipien und Prämissen, aufgrund welcher Voraussetzungen und Vorstellungen gestaltet sich unser Leben, welche Richtung schlagen wir ein, und welche Konsequenzen hat diese oder jene Entscheidung, die wir treffen, und wie verhalten wir uns, wenn wir erkennen müssen, daß wir uns falsch entschieden haben?

Einer Anekdote zufolge soll Jeff Bezos nach der Lektüre von "Was vom Tage übrigblieb" beschlossen haben, sein Leben zu ändern. Der Amerikaner gründete das Unternehmen AMAZON. Für ihn und alle von Kazuo Ishiguros vielen Fans ist dieser Roman erneut ein Muss.

Kazuo Ishiguro, Der begrabene Riese
Aus dem Englischen von Barbara Schaden, Karl Blessing Verlag, München 2015, 416 Seiten. 22, 95 Euro

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