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Im Gespräch | Beitrag vom 28.03.2018

Der Autor, Blogger und Aktivist Richard Brox"Das Leben auf der Straße ist rauer geworden"

Moderation: Annette Riedel

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Der Autor, Blogger und Aktivist Richard Brox (© Tim Ilskens)
Richard Brox würde gerne ein stationäres Hospiz für schwerstkranke Obdachlose einrichten. (© Tim Ilskens)

Schmerz, Einsamkeit und Missachtung, aber auch Zuspruch und Unterstützung: Richard Brox lebt seit über 30 Jahren auf der Straße. Sein Buch "Kein Dach über dem Leben" ist die schonungslos offene Biografie eines Obdachlosen.

Bei "Im Gespräch" erzählt er über seine schwere Kindheit mit traumatisierten Eltern, von verstörenden Heim-Aufenthalten, von seinen Erlebnissen auf endlosen Wanderungen als "Berber" durch ganz Deutschland und seiner jahrelangen Drogensucht. Er erzählt von Menschen, die ihn respektiert und unterstützt haben – und solchen, von denen er Gewalt, Verachtung und Missbrauch erfahren hat.

Richard Brox hat so viel Härte, Einsamkeit, Schmerz und auch Missbrauch ertragen müssen in seinem Leben, dass sein schieres Dasein staunen macht. Als einziges Kind zweier im Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg schwer traumatisierter Eltern, die nicht fähig waren, ihm Halt und Orientierung, Zuneigung und Aufmerksamkeit zu geben, hatte er schwere Startbedingungen ins Leben.

Kindheit ohne Zuneigung und Aufmerksamkeit

Seine Mutter war eine polnische Jüdin, die den Holocaust überlebte, aber ihre gesamte Familie verlor. Sein Vater war als Widerstandskämpfer im Konzentrationslager inhaftiert worden und überlebte nur knapp. Beide vermochten ihre Erlebnisse nicht in Worte zu fassen; und so stieg vor allem nachts in der Wohnung der Familie Brox das Grauen auf "wie schwarzer Nebel".

"Meine Eltern waren innerlich tot", sagt Richard Brox. Vater und Mutter behandelten ihn überwiegend "anständig", aber sie hatten mit ihren eigenen "Gespenstern" zu ringen, waren überfordert damit, ihrem Sohn ein liebevolles Zuhause zu bieten. Trotzdem haben sie ihm doch einige Kraft und Stärke geben können, ohne die es ihm vielleicht nicht gelungen wäre, sich von der Dogensucht zu befreien.

Obwohl Richard Brox nur drei Jahre eine Schule besucht hat, wird Lesen zur großen Leidenschaft des Autodidakten. "Jede Zeile, die ich von einem Buch lese, bedeutet für mich Befreiung, Befriedung und Lebensfreude."

So beschreibt es Richard Brox bei "Im Gespräch" und in seinem Buch "Kein Dach über dem Leben", das im Dezember 2017 bei Rowohlt erschienen ist. Obwohl er noch immer von Gelegenheitsarbeiten, Hartz IV und vom Betteln lebt, will er dennoch von den Erlösen des Buches nichts für sich selbst. Sein sehnlichster Wunsch: Ein stationäres Hospiz für schwerstkranke Obdachlose von den Einnahmen einrichten zu können.

Hier das Blog von Richard Brox

Richard Brox: Kein Dach über dem Leben
Rowohlt Verlag, Reinbek  2017
259 Seiten, 9,99 Euro

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