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neunzehn fünfundvierzig / Archiv | Beitrag vom 16.11.2005

Der Ärzteprozess

Die Nürnberger Prozesse

Von Georg Gruber

Richter beim Nürnberger Prozess (AP Archiv)
Richter beim Nürnberger Prozess (AP Archiv)

Einer der wichtigsten Nürnberger Prozesse war der Ärzteprozess, in dem das unvorstellbare Ausmaß von Medizinverbrechen aufgedeckt wurde. Die Mediziner konnten innerhalb der Diktatur ihren zweifelhaften Forscherdrang ausleben - ohne Rücksicht auf ethische Prinzipien.

Aus Prozesseröffnung: "'Your name is Karl Brandt.' 'Jawohl' 'Have you entered your plea not guilty to this incitement?' 'Ich erkläre jetzt auch: nicht schuldig.'"

Professor Karl Brandt, Leibarzt Adolf Hitlers, Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen und "Euthanasiebeauftragter". Er erklärte sich für nicht schuldig – genauso wie seine 22 mitangeklagten Kollegen, die sich vor dem amerikanischen Militärtribunal zu verantworten hatten. Wissenschaftler, angesehene Professoren, Ärzte.

90.000 praktizierende Ärzte gab es in Deutschland während des Dritten Reichs, fast jeder zweite war in der NSDAP. Der Prozess hatte den Charakter einer "Stichprobe", schrieb Alexander Mitscherlich in der Dokumentation des Gerichtsverfahrens "Medizin ohne Menschlichkeit", die von der Westdeutschen Ärztekammer in Auftrag gegeben worden war. Die Anklage lautete auf "Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit":

Anklageverlesung im Gerichtssaal: "Die Verbrechen umfassen Morde, Brutalitäten, Grausamkeiten, Folterungen, Greueltaten und andere unmenschliche Taten, wie sie in Anklagepunkt 1, 2, und 3 dieser Anklageschrift ausgeführt ist."

Unterdruck- und Unterkühlungsversuche, Hepatitis- und Fleckfieberexperimente Sulfonamidversuche – Begriffe, die für kaum vorstellbare Grausamkeiten stehen. KZ-Häftlingen wurden Verletzungen zugefügt, sie wurden mit Wundbrand infiziert, um dann die Wirkung von Sulfonamid zu erproben.

Anklageverlesung: "Malariaexperimente. Ungefähr von Februar 1942 bis April 1945 wurden im KZ Dachau Experimente durchgeführt, um die Immunisierung gegen die Behandlung von Malaria zu ermitteln. KZ-Insassen wurden durch Moskitos oder Einspritzung von Extrakten aus den Schleimdrüsen von Moskitos infiziert."

"Über 1000 unfreiwillige Versuchspersonen wurden für diese Experimente verwendet", heißt es in der Anklageschrift weiter. "Viele Personen starben, andere erlitten starke Schmerzen und wurden für immer Invaliden." Im KZ Dachau wurde an anderen Häftlingen in Unterdruckkammern der Absturz aus einem Flugzeug in 15 Km Höhe simuliert.

"Nach 24 Minuten, in ein km Höhe: Schreit anfallweise, grimassiert, beißt sich auf die Zunge."

"In null Metern Höhe: Nicht ansprechbar, macht den Eindruck eines völlig Geistesgestörten."

Die an den Versuchen beteiligten Ärzte wiesen jede eigene Verantwortung von sich. Der Immunitätsforscher Professor Gerhard Rose vom Robert Koch-Institut:

"Ich bin persönlich zum Staatssekretär Conti, das war der höchste medizinische Vorgesetzte, im Innenministerium hingegangen und habe dort meine Bedenken gegen die Versuche vorgetragen. Conti hat gesagt: Lieber Herr Rose, ich habe die Verantwortung dafür zu treffen, ob ein Impfstoff einge-, ob ich ihn zulassen soll oder nicht. (…) Ich muss jetzt in Kriegszeiten von dem Verbrecher im Konzentrationslager verlangen, dass auch er seinen Anteil zum allgemeinen Besten leistet und muss im Menschenversuch deshalb schnell diese Klärung herbeiführen."

Der Arzt Fritz Fischer verteidigte sich so: "Der Glaube und das Vertrauen an das legale Recht der Obrigkeit und des Staates und des Führers, so schien mir damals, gab die juristische Deckung und Rechtfertigung ab und enthob mich, wie mir auch betont ausgedrückt wurde, der individuellen Verantwortung."

Die Mediziner konnten innerhalb der Diktatur ihren zweifelhaften Forscherdrang ausleben - ohne Rücksicht auf ethische Prinzipien.

"Sieben Angeklagte wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, einer zu 15 Jahren, einer zu zehn Jahren, sieben wurden mangels Beweisen freigesprochen. Während die zum Tode Verurteilten hingerichtet wurden, kamen die Inhaftierten in den 50er Jahren in den Genuss von Begnadigungen."

Die deutsche Ärzteschaft hatte nach dem Krieg an einer Aufarbeitung der braunen Vergangenheit nur wenig Interesse. Mitscherlichs Dokumentation des Verfahrens wurde als Nestbeschmutzung abgetan. Das Thema wurde tabuisiert - so gelang es einer Reihe von schwerstbelasteten Ärzten und Wissenschaftlern, im Nachkriegsdeutschland wieder Karriere zu machen.

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