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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.11.2019

Depressionen bei SportlernDer unerträgliche Druck im Kopf

Thomas Wheeler im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Mann sitzt alleine in der Mitte eines Fußballfeldes. (Eyeem / Benjamin Dupont)
Die Einsamkeit des depressiven Sportlers - und niemand bekommt etwas mit. (Eyeem / Benjamin Dupont)

Vor zehn Jahren tötete sich Nationaltorwart Robert Enke. Enke hatte unter Depressionen gelitten. Seither hat sich einiges geändert - Leistungssportler reden offener über psychische Probleme. Dank der Robert-Enke-Stiftung kann ihnen heute besser geholfen werden.

Am 10. November jährt sich zum zehnten Mal der Suizid des damaligen Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke. Der 32-Jährige litt lange Zeit an Depressionen. Seine Witwe Teresa Enke versucht als Vorstandschefin der Robert-Enke-Stiftung,
Verständnis für und Aufklärung über die Krankheit zu leisten. Ihre deutliche Botschaft lautete anlässlich der Vorstellung einer NDR-Dokumentation über den "Fall Enke" in Hannover: Der Umgang mit der Krankheit Depression müsse noch selbstverständlicher werden. Sie sei keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit wie jede andere auch, die sich aber bei rechtzeitiger Erkennung heilen lasse.

Deutschlandfunk Kultur-Sportredakteur Thomas Wheeler war bei der Veranstaltung und weist auf eine traurige Tatsache hin: "Sportlerinnen und Sportler haben erst seit dem Tod von Robert Enke Anlaufpunkte, wohin sie sich wenden können, wenn sie merken, dass sie psychische Probleme haben und sich dessen bewusst sind." Die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung habe gemeinsam mit dem Uniklinikum Aachen und anderen Einrichtungen ein Netzwerk von 70 Sportpsychiatern aufgebaut, an das sich Betroffene niedrigschwellig wenden könnten.  Übrigens gebe es das Fach "Sportpsychiater" erst seit dem Tod von Robert Enke.

Bei einer Podiumsdiskussion im Theater am Aegi in Hannover anlässlich des 10. Todestages von Robert Enke sind der Moderator Andreas Kaeckell mit Teresa Enke und Uli Hoeness auf der Bühne zu sehen. Im Hintergrund wird ein Foto von Robert Enke im Hannover 96 Trikot gezeigt. (imago images / Joachim Sielski)Teresa Enke versucht als Vorstandschefin der Robert-Enke-Stiftung Verständnis für und Aufklärung über Depressionen zu leisten. Hier auf dem Podium bei der Präsentation der Enke-Doku. (imago images / Joachim Sielski)

"Wie wichtig die Aufklärungsarbeit  ist, zeigt die Tatsache, dass in Deutschland durchschnittlich fünf Millionen Menschen pro Jahr an einer Depression erkranken", sagt Wheeler. "Insgesamt begeben sich seitdem deutlich mehr Sportler in die Beratung oder, wenn notwendig, auch in Behandlung. National und international gehen Frauen und Männer offener mit psychischen Problemen um. So sprachen darüber zum Beispiel in der Öffentlichkeit die ehemalige US-Skirennfahrerin Lindsay Vonn, die US-Tennisspielerin Serena Williams, die Fußballer Andres Iniesta aus Spanien und Danny Rose aus Großbritannien.

Eine VR-Brille hilft, Depressive besser zu verstehen

Eine weitere Entwicklung, die die Stiftung ermöglicht hat: Eine Virtual Reality-Brille, mit der Nichtbetroffene einen gewissen Eindruck bekommen können, wie Menschen mit Depressionen fühlen, wie sie darunter leiden. "Robert Enke hat im Gespräch mit seiner Frau oft gesagt: ‚Wenn Du eine Minute in meinem Kopf wärst, würdest Du sehen, wie furchtbar und schrecklich das ist.‘"  Zudem betreibe die Stiftung Aufklärungsarbeit am Rande von  Fußball-, Eishockey- und Handball-Erstligaspielen, wo sie mit Informationsständen vor Ort ist.

Zwar gebe es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Hochleistungssport und der Krankheit Depression, betont Thomas Wheeler. Aber: "Sind Sportlerinnen und Sportlern daran erkrankt, können sich Depressionen durch die Disposition bei besonderem Druck verstärken."  Gerade im Profifußball gehe es heute um noch mehr Geld, um noch mehr soziale Medien. Das steigere die Belastung immens.  Bayern München-Präsident Uli Hoeneß, der in Hannover bei der Präsentation des Films ebenfalls dabei war, habe allerdings mit Blick auf den Fußballer Sebastian Deisler, der wegen seiner Depression die Karriere beendete, betont: Die Fürsorgepflicht gegenüber dem Athleten stehe immer im Vordergrund. (mkn)


Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen, Suizidgefährdete und ihre Angehörigen: Wenn Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen. Hilfe bietet unter anderem die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800-1110111 (kostenfrei) und 0800-1110222 (kostenfrei).

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