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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.10.2007

Denkspiel über den Ursprung der Geschlechter

Doris Lessing: "Die Kluft". Verlag Hoffmann&Campe, Hamburg 2007. 239 Seiten

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Doris Lessing erforscht den Ursprung des Kampfes zwischen Mann und Frau (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Doris Lessing erforscht den Ursprung des Kampfes zwischen Mann und Frau (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Die inzwischen 87-jährige englische Schriftstellerin Doris Lessing hat ihren Leser immer wieder "zwei Gesichter" gezeigt: das der zeitgenössischen, kritisch-realistischen Autorin und das der phantastischen, visionären Schriftstellerin, deren Geschichten aus der Zeit fallen. Während sie dabei bislang eher in die Zukunft blickte, Science-Fiction Romane schrieb, so wirft sie diesmal einen Blick zurück in die mystischen Anfangstage der Menschheit. Die Grundidee ihres Romans hat sie einem Wissenschaftsbericht entnommen, der darüber spekuliert, ob die Menschheit von den Frauen abstammt, diese vor dem Mann da waren.

Doris Lessing hat für ihre Geschichte zwei Zeit- und zwei Sprachebenen erfunden. Durch das Buch führt ein römischer Senator, ein erzkonservativer Historiker, in dessen Besitz sich einige der ersten schriftlichen Zeugnisse befinden sollen, aus denen er die Geburt der Menschheit zu rekonstruieren versucht. Diese Dokumente sind unvollständig, lückenhaft, einseitig. Niemand weiß, ob sie die Ereignisse nicht verfälscht wiedergeben. Doris Lessing spielt hier auf den zweifelhaften Wahrheitsgehalt alter Mythen und Legenden an.

Diese ersten niedergelegten Berichte, auf die sich der römische Historiker stützt, berufen sich auf die Erinnerungen der so genannten "Gedächtnisse". Das sind Menschen, die ausgewählt wurden, die wichtigen Ereignisse ihrer Zeit und ihres Stammes auswendig zu lernen, um sie der jeweils nächsten Generation weiterzugeben.

Danach gab es ursprünglich nur ein einziges Geschlecht, die weiblichen Wesen, die irgendwo an einer warmen Küste sorglos vor sich hin lebten. Das Meer und die üppige Natur an Land versorgten diese Frauen mit Nahrungsmittel. Sie vermehren sich eingeschlechtlich und geboren wurden nur Mädchen, nach dem Aussehen der Geschlechtsorgane "Spalten" genannt. Als dann ein erstes Mal ein Junge zur Welt kommt, gilt er als missgebildetes Ungeheuer mit "Klumpen und Schlauch" und wird umgebracht. Als sich diese Geburten häufen, verstümmeln die Frauen die Babys oder setzen sie aus. Riesige Adler holen sich die Säuglinge, doch sie töten sie nicht, sondern bringen sie in ein nahe gelegenes Tal, in dem Hirschkühe sie säugen. Hier wächst getrennt von den Frauen ein Männergesellschaft heran.

Doch bald entdecken sich beide Geschlechter. Es kommt gegen den Widerstand der "alten Weiblichen" zu lustvollen Vereinigungen. Bald darauf verlieren die Frauen die Fähigkeit der unbefruchteten Geburt, gebären nur noch Kinder, wenn sie vorher mit einem Mann geschlafen haben.

Doch beide Welten sind weiterhin strikt getrennt. Die Männer entwickeln daraufhin all jene Eigenschaften, die für sie bis heute als typisch gelten: Sie sind die Vorwärtsdrängenden, die Eroberer, die Neugierigen, lieben Kraft- und Mutproben, sind auf Abenteuer aus, zugleich chaotisch und wenig sprachgewandt. Die Frauen zeichnen sich durch hegende, pflegende, ordnende, planende Eigenschaften aus. Sie verkörpern das Bewahrende, Beharrende, träumen gerne und genießen Ruhe und Nichtstun.

Doris Lessing zeichnet hier ein stark eindimensionales Bild der typischen Geschlechtereigenschaften. Auch wenn sie ihre Befunde in den Stil alter Mythen kleidet, klingen sie doch arg klischeehaft. Es ist nicht die einzige Schwäche des Buches. Da die Erzählung aus grauer Vorzeit nur gesichtslose Gemeinschaftswesen kennt, keine Individuen, nimmt sie dem Leser jegliche Möglichkeit, sich mit irgendeiner Figur zu identifizieren, mitzufühlen, eine charakterliche Entwicklung nachzuvollziehen. Alles bleibt unpersönlich, distanziert, emotionslos. Die Handlung nimmt einen nie wirklich gefangen.

Doris Lessings Roman ist eine Art Denkspiel. Wie könnte es zu den Grundmustern männlichen und weiblichen Handelns und Denkens gekommen sein, die bis heute bestehen? Ihre Antworten sind ungewöhnlich, sperrig, provozierend, politisch unkorrekt, denn weder Männer noch Frauen kommen gut dabei weg. Doris Lessing ist es gelungen, wieder ein verstörendes Buch zu schreiben. Von Altersmilde keine Spur.

Rezensiert von Johannes Kaiser

Doris Lessing: Die Kluft
Übersetzt von Barbara Christ
Verlag Hoffmann&Campe, Hamburg 2007
239 Seiten, Euro 19,95

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