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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.05.2013

Denkmal für ein Feeling

Wolfgang Müller: "Subkultur Westberlin 1979-1989", Verlag Philo Fine Arts

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Punks in den 80er-Jahren (picture alliance / dpa / Christine Pfund)
Punks in den 80er-Jahren (picture alliance / dpa / Christine Pfund)

Wir schreiben das Jahr 1978. Wolfgang Müller ist 21 Jahre alt und zieht von Wolfsburg nach Westberlin. Zur selben Zeit beginnt die Sache mit dem Punk. Sehr persönlich wird aus jener Zeit heraus erzählt.

Wolfgang Müller geht gern an Orte, wo die Leute sind, die, wie er sie nennt, straight und queer sind, also in gut ausgeleuchtete Bars und in schwullesbische Kneipen. Wir sehen also Blixa Bargeld im Risiko stehen und Martin Kippenberger im S.O.36. Ratten-Jenny sitzt im Dschungel, die anderen bevölkern das Andere Ufer, das Ex′n′Hopp oder das Café Mitropa.

Jedoch gab es in den 80-ern nicht nur diese eine Subkultur. Der Titel des Buches führt etwas in die Irre. Die Subkultur saß auch in besetzten Häusern; sie bewaffnete sich; sie zog sich Springerstiefel an; oder sie machte die Nächte in heillos verkabelten Zimmern durch und lernte ziemlich uncoole Programmiersprachen. In diesem Buch aber sind alle cool und machen irgendwas mit Kunst. Erzählt wird von jungen aufstrebenden Künstlern, die der Punk-Kultur nahe sind und von ihren Sachen leben wollen.

"Der Müll der Flohmärkte bot das Material für Kunst und Musik. Ungenutzte, marode Räume, vergessene Ruinen, leer stehende Häuser, Bruchbuden von Immobilienspekulanten, aber auch die Subventionen, die Westberlin vom Bund erhielt. All dies eröffnete zahlreiche Möglichkeiten zur Realisierung künstlerischer, gesellschaftlicher und politischer Ideen und Konzepte jenseits des Mainstreams und jenseits ökonomischen Verwertungsdrucks."

Cover Wolfgang Müller: "Subkultur Westberlin 1979-1989" (Verlag Philo Fine Arts)Cover Wolfgang Müller: "Subkultur Westberlin 1979-1989" (Verlag Philo Fine Arts)Genau diesem Feeling will der Autor, Gründungsmitglied der Künstler- und Musikgruppe "Die tödliche Doris", ein Denkmal setzen. Einerseits erzählt Müller voller Stolz, wie arriviert diese oder jene Westberliner Subkulturgestalt der 80er-Jahre später geworden ist; andererseits lässt er kein gutes Haar an der Zeit nach 1989. Mal nennt er sie "Ende des Kalten Kriegs", mal "Durchsetzung der Dienstleistungsgesellschaft", mal "Neo-Individualliberalismus", mal nennt er sie "Bionade-Biedermeier". Dabei fällt eine erstaunliche historische Unschärfe auf, denn jeder der Begriffe beschreibt einen anderen Zeitraum zwischen dem Anfang der 80-er und dem Ende der Nuller-Jahre.

Müller kommt nicht auf die Idee, dass eine Subkultur ihr Sterbedatum vom ersten Tag an in sich trägt, geradezu damit imprägniert ist. Das betrifft übrigens auch das Stadium der Jugend. Tatsache ist: Irgendwann war Müller nicht mehr der junge Müller. Dafür sucht er Verantwortliche. Und verheddert sich in Widersprüchen. Denn einerseits schreibt er:

"In der Halbstadt halten in den Achtzigerjahren keine Manager mit Spürnase oder Vermarktungsgeschick Ausschau nach jungen Talenten."

An einer anderen Stelle aber heißt es über dieselben Jahre:

"Der Begriff Punk wurde zum Antriebsstoff eines deregulierten Kapitalismus, der das in den Siebzigerjahren noch verheißungsvolle Wort Freizeit längst durch ständige Verfügbarkeit, Flexibilisierung und komplette Ökonomisierung des Individuums ersetzt hat."

Manchen naheliegenden Gedanken darf Müller nicht denken, weil er die Verherrlichung seiner 80-Jahre, also seiner Jugendzeit, stören würde. Dass die queeren Leute von damals, die Schwulen, die Lesben, die sonstwie Eigenwilligen, die sich nicht mehr verstecken wollten, die Stinknormalen von heute sind: kein Wort darüber. Längst haben wir eine Unterhaltungskultur, die ohne Schwule und Lesben und professionelle Exoten nicht zu denken ist. Wir haben schwule Spitzenpolitiker. Man kann das durchaus als Erfolg der damaligen Subkulturen sehen. Müller sieht das nicht.

Dafür sieht er solche Sachen: Wussten Sie, dass Rainer Werner Fassbinder auf der Tanzfläche des Dschungel einmal umgefallen ist? Dass Iggy Pop einmal in einer Telefonzelle von innen gegen die Scheibe hämmerte und brüllte, er will da raus? Dass der Interviewfälscher Tom Kummer mal ein Zimmer in Berlin hatte? Name-Dropping ist das Wort, nach dem ich gesucht habe. Dazu passt, dass der weitaus häufigste Name im Namenregister der von Wolfgang Müller selbst ist.

"Subkultur Westberlin 1979-989", das sind mehr als 500 Seiten Buch im Format eines Reclam-Bandes mit voll seriösem Cover. Keine Frage: Wir haben es hier mit dem allerletzten Projekt der Künstlergruppe "Die tödliche Doris" zu tun. Wer das Objekt noch braucht oder wer Anekdötchen lesen will: Bitte kaufen. Warnung an die anderen: Den Inhalt bitte nicht mit der Wirklichkeit der 80er-Jahre verwechseln.

Rezensiert von Bodo Morshäuser

Wolfgang Müller: Subkultur Westberlin 1979-1989
Freizeit, FUNDUS Band 203
Verlag Philo Fine Arts, Hamburg 2013
ISBN: 978-3865726711
579 Seiten, 24 Euro

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