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Fazit | Beitrag vom 20.07.2020

Denken im UrlaubszustandMuße für neue Perspektiven

Thomas Macho im Gespräch mit Britta Bürger

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Illustration einer Frau, die im Wasser auf dem Rücken liegt und in den Himmel schaut. (imago / fStopImages / Malte Müller)
Wie beeinflusst das Nichtstun unser Denken? (imago / fStopImages / Malte Müller)

Funktioniert Muße als kreativer Faktor? Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho sieht derzeit jedenfalls dringenden Urlaubsbedarf. Menschen suchten im Urlaub aber oft auch die Abwechslung und das Abenteuer - und nicht nur die Ruhe.

In diesen Corona-Zeiten sei es besonders wichtig, dass man sich selbst die Erlaubnis gebe, mal nicht alle zwei Stunden die Mails zu checken oder beruflich jemanden anzurufen, sagt der österreichische Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho. Er könne aber auch gut verstehen, dass viele Menschen im Urlaub nicht faul, sondern kreativ sein möchten. "Zur Kreativität gehört aber auch ein bisschen die Muße und Ruhe." Tatsächlich suchten Menschen im Urlaub aber oft die Abwechslung und das Abenteuer, also eher Ausnahmesituationen. 

Auch die Langeweile könne für so manches gut sein, sagt Macho: "Wenn man ein bisschen weniger Verpflichtungen hat und auch für den Urlaub keinen durchgeplanten Terminkalender, dann kann es sein, dass man einen neuen Einfall bekommt oder eine andere Perspektive über etwas gewinnt. Und diese andere Perspektive ist ja im Urlaub naheliegend, da man sich oft in einem anderen Land und einer anderen Landschaft befindet als zu Hause."

Thomas Macho blickt in Richtung des Betrachters. (Jan Dreer / IFK Wien)Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho erkennt Ritualaspekte in unserem Urlaubsverhalten. (Jan Dreer / IFK Wien)

Das Erleben von neuen Situationen, Erfahrungen und auch Herausforderungen im Urlaub trage auch einen Ritualaspekt in sich, meint Macho. Damit habe sich der Ethnologe Arnold van Gennep in seinem Buch "Les rites de passage" beschäftigt. "Darin beschreibt er genau die Elemente, die wir vom Urlaub kennen: Abschied, Übergang, Neuanfang, Eingliederung in eine andere Welt."

Die Erfahrungen, die die Menschen in Quarantänezeiten gemacht haben, könnten es ihnen jetzt erschweren, im Urlaub abzuschalten. Zum Alltag habe da nämlich gehört, dass man sehr beschäftigt damit gewesen sei, sich an die vollkommen ungewöhnliche Situation anzupassen. Für viele Menschen habe das auch Existenzängste umfasst:

"Diese Bedrohlichkeit bei gleichzeitigem Nichtstun ist das Gegenteil von Urlaub und so prägend gewesen, dass es jetzt im 'echten' Urlaub schwerfällt, das zu vergessen."

(rja)

Unsere fünfteilige Reihe "Denken im Urlaubszustand" beschäftigt sich mit Fragen wie: Denken wir anders im Urlaub? Was macht Zeit mit dem Denken? Funktioniert Muße als kreativer Faktor? Kommen Dinge in den Fokus, die zu lange verdrängt wurden? Wie ist das jetzt in Corona-Zeiten, wo man ohnehin etwas ausgebremst ist? Muss es eine strikte Trennung von Arbeit und freier Zeit geben?

Die Sphäre jenseits des Büros ist klein geworden

Porträtfoto von Christoph Bartmann, Direktor des Goethe-Instituts in Warschau. Er hat die Bücher "Leben im Büro" und "Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal" (Hanser Verlag) geschrieben. (Hanser Verlag / Peter-Andreas Hassiepen                                          ")Christoph Bartmann, Direktor des Goethe-Instituts in Warschau und Publizist (Hanser Verlag / Peter-Andreas Hassiepen ")

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Porträt der Autorin Harriet Köhler, Berlin. (Urban Zintel)Harriet Köhler (Urban Zintel)

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