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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.04.2013

"Denk an nichts, du bist frei!"

Warum der Serbe Slavisa Markovic ohne das Theater nicht leben kann

Von Mirjam Baumert

Slavisa Markovic (r.) und sein Bruder Nebojsa (l.) am Tresen des Rroma Aether Klub Theaters (Esther Vonplon)
Slavisa Markovic (r.) und sein Bruder Nebojsa (l.) am Tresen des Rroma Aether Klub Theaters (Esther Vonplon)

Das Rroma Äther Klub Theater ist in Berlin-Neukölln in einem ehemaligen Ladenlokal untergebracht. Slavisa Markovic hat es mit seinem Bruder gegründet. In der aktuellen Produktion "Ein Sommermärchen" geht es um Menschen, die sich im Jobcenter rechtfertigen müssen.

Die Stühle und Sofas sind in Reihen aufgestellt. Ungefähr 40 Gäste füllen den Rroma Äther Theater Klub in Neukölln: ein kleiner Raum mit knarrendem Parkett und riesigen Scheinwerfern an der Decke. Auf dem Programm steht "Ein Sommermärchen" – eine Collage aus Kurzgeschichten von Tschechow, Brecht und eigenen Texten des Ensembles.

"Einmal überaß sich Heinz an Erbsenbrei und starb …"

Mit weit aufgerissenen Augen schaut ein hagerer Mann dem Publikum direkt ins Gesicht. Schwarzer Hut, weiße Lackschuhe: Slavisa Markovic vom Rroma Äther Theater Klub ist Autor und Regisseur – und Schauspieler in einer Person. In diesem Moment rammt er seinen Kopf durch ein Gemälde.

Das Bild zeigt eine junge Frau mit einem Tuch in den Haaren und großen Ohrringen: das Klischee einer Zigeunerin. Wenn Slavisa Markovic Theater spielt, dann ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität.

Zwei Tage später. Das Rroma Äther ist spärlich erleuchtet. Nur noch die Scheinwerfer erinnern an den Theaterabend. Der Barmann bereitet den Kneipenbetrieb vor.

Hinten sitzt Slavisa Markovic in einem kleinen Kabuff, zwischen bunten Kostümen, angebrochenen Schminktöpfen und herumhängenden Kabeln.

"Also, als Theatermacher oder als Schauspieler, da kann ich so echt sein. Auf der Bühne bin ich echt dann und im privaten Leben bin ich Schauspieler."

1971 kam Slavisa Markovic in Paracin auf die Welt – einem kleinen Ort zwischen Belgrad und Niš. Dort wuchs er mit seinen Eltern und seinem Bruder in einer Roma-Siedlung auf. Ein Lehrer an seiner Grundschule war vom Puppentheater begeistert – und weckte das Interesse bei dem jungen Schüler.

"Dann hat er gesagt: 'Ei, pass mal auf, du Junge, du kannst sein wie du willst, so außerhalb Bühne, eben so, aber wenn du hinter diesem Paravan bist, dann bist du nicht mehr du, sondern du bist diese Puppe, du bist Wolf, und du musst dich befreien. Befrei dich von allem, denk an nichts, du bist frei!' In diesem Moment also Ja sam vuk, strasni vuk, i ljuti sam kao luk, haha. Und dann habe ich mich erschrocken, das war so gut …"

Ja sam vuk - ich bin der Wolf. Slavisa überzeugte nicht nur sich selbst: Sein Auftritt schlug Wellen. Schon bald wechselte er vom Puppentheater seiner Schule an das Kinderensemble des städtischen Theaters von Paracin. Doch nicht selten dachte er daran, einfach alles hin zu schmeißen. Die anderen Kinder hänselten ihn, weil er aus der Roma-Siedlung kam.

Und dann hat meine Mutter große Rolle gespielt. Dann hat sie so gesagt, das ist nur jetzt passiert, das wird nicht jeden Tag so. Und das Wichtigste, wenn so jemand solche Sachen macht mit dir, das ist Vorteil für dich, weil dann weißt du, das ist jemand, der dumm ist.

Slavisa Markovics Leben ist von Brüchen gezeichnet. Zunächst entscheidet er sich gegen eine professionelle Laufbahn als Schauspieler und schreibt sich an der Universität in Belgrad für Biologie ein. Kurz darauf bricht in Jugoslawien der Krieg aus. 1993 entscheidet er sich dann doch noch für die staatliche Schauspielschule in Belgrad, danach scheitert seine Ehe. 1998 verlässt er sein Heimatland.

"Naja, das war nicht mehr Jugoslawien, und keine Perspektive."

Zusammen mit seinem Bruder Nebojsa geht er nach Berlin. Die Brüder Markovic wollen da weiter machen, wo sie aufgehört hatten – sie wollen Theater machen und zwar in Eigenregie.

"Irgendwann war dann so ein Moment, wo wir gedacht haben, okay, wir können jetzt nach Räumen suchen. Und haben wir gesucht es war nicht einfach, weil Leute haben Vorurteile, das ist ein Grund, das heißt man musste die Vermieter überzeugen, dass wir keine Männerkneipe machen so, wenn die gehört haben Club, und Roma, ach okay Roma Italien. Nein? Was ist Roma? Roma, Gipsies? Mhm, Zigeuner, oh nein! Nein, danke, wir haben genug Probleme."

In der Boddinstraße in Neukölln finden sie schließlich einen leerstehenden Laden. Das leidige Thema "Geld" dämpft dann schnell die Euphorie. Kein Fördertopf ist auf sie zugeschnitten. Ein bisschen Theaterpädagogik, ein bisschen Alphabetisierung? – Slavisa Markovic und sein Bruder wollen Brecht statt Integrationskurse. Und Stanislawski statt Minderheitenprogramm. Ganz einfach Theater spielen. Für Roma und Nicht-Roma.

Die Schieflagen des Lebens bieten Stoff – auch für die aktuelle Produktion Das Sommermärchen mit Geschichten von Kleinunternehmern, die sich im Jobcenter rechtfertigen müssen - und Elefanten, die nicht zum Pferderennen dürfen. Und meistens endet es bitter.

"Spiridornoffs Frau fiel von einem Buffet und starb auch. Lauter anständige Leute. Und kriegen kein Bein auf den Boden."

Doch Slavisa Markovic lässt sich eben nicht unterkriegen. Er hat schon ganz andere Hindernisse überwunden. Und Ideen für neue Projekte gibt es längst.

"Also, ich bin quasi im Theater aufgewachsen. Und da in diesem Feld habe ich mich so als jemand der so gleichberechtigt, der frei ist, so gefühlt. Damit bin ich so infiziert und daran glaube ich noch immer, dass das eben nur in diesem Bereich funktionieren kann."


Weitere Informationen:
Rroma Aether Klub Theater, Berlin

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