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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.06.2016

Denise Mina: "Die tote Stunde"Alles oder nichts in Glasgow

Von Ulrich Noller

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Blaulicht eines Polizeiautos, das von einer Pkw-Fensterscheibe reflektiert wird (picture alliance / dpa)
Das Abhören des Polizeifunks bringt Protagonistin Paddy die Storys. (picture alliance / dpa)

Mit "Die tote Stunde" von Denise Mina kommt ein spannender Krimi von der Insel. Die Geschichte ist in den 1980er-Jahren in Glasgow angesiedelt: Paddy arbeitet als Nachtreporterin für die "Scottish Daily News", ein Fall von häuslicher Gewalt wird für sie zur großen Story.

In Sachen Verbrechen ist Großbritannien derzeit führend in Europa: Sehr viele spannende, dichte Krimistoffe kommen derzeit von der Insel, das gilt für´s Fernsehen ebenso wie für die Literatur. In England und um England herum findet man blühende Krimi-Landschaften; und das sind in der Regel urban geprägte Gefilde, den Topos des "typisch britischen" Landhauskrimis bedienen die meisten AutorInnen höchsten mit lässiger Beiläufigkeit als ironische Reminiszenz.

Die Schottin Denise Mina, geboren 1966, ist eine der interessantesten und besten VertreterInnen dieser Entwicklung; eine Autorin, die hierzulande trotz des einen oder anderen kleinen Achtungserfolgs immer noch der Entdeckung harrt, was erstaunlich ist, denn in Schottland ist Mina mit ihren zeitgeschichtlich unterfütterten Ermittlerromanen längst etabliert und preisgekrönt, eine der ganz Großen.

Paddy arbeitet als Nachtreporterin

"Die tote Stunde", ihr neuer Roman, ist in den 1980er-Jahren in Glasgow angesiedelt; Margaret Thatcher regiert als eiserne Lady auf dem Höhepunkt ihrer Macht, Internet und mobiles Telefonieren sind noch Zukunftsmusik. Was den Job für Paddy Meehan nicht eben leichter macht: Paddy arbeitet als Nachtreporterin der "Scottish Daily News", zusammen mit einem Fahrer hört sie den Polizeifunk ab und folgt dann den Ermittlern, um spannenden Stoff für kleine Polizeimeldungen abzufischen.

Ein Fall von häuslicher Gewalt, so beginnt alles, wird zur großen Story, nachdem die Betroffene, eines Menschenrechtsanwältin, am nächsten Morgen tot aufgefunden wird – ebenso wie ein Tag später ihr engster Kollege und Ex-Partner. Paddy Meehan ermittelt, teils mit den Behörden, teils gegen die Polizei. Weil in der Zeitung Umstrukturierungen und Entlassungen anstehen, geht es für die Nachtreporterin bei dieser Recherche bald um Alles oder Nichts – nur, wenn Paddy eine dicke Story präsentieren kann, hat sie eine Chance, ihren Job zu behalten. Und weil die Reporterin mit ihrem kleinen Gehalt eine Großfamilie durchbringen muss – Mutter und Vater sind arbeitslos – hat sie nicht bloß beruflich, sondern auch privat ganz schön Druck...

Mixtur aus Polizei- und Zeitungsgeschichte

"Die tote Stunde" ist exzellent konstruiert und konzipiert. Denise Mina mischt die Ermittlungselemente ihrer Geschichte versiert mit präzisen Milieuskizzen; sie spannt ein produktives Spannungsfeld zwischen der Ermittlungsebene und den privaten Strängen auf, das einen auch dann in den Bann zieht, wenn die Milieus – geradezu dokumentarisch – ausgeleuchtet werden. Paddy Mehan steht im Zentrum von allem. Trotz aller sozialen Handycaps lernt sie, Tritt unter die Füße zu bekommen, ihre Rolle zu finden – und "ihren Mann" zu stehen in der nicht allzu schönen neuen Welt des Neoliberalismus. Insofern ist "Die tote Stunde" letztlich auch ein Bildungsroman. Und zwar einer, der so gut geschrieben und gedacht ist, dass man sich willig verführen – und in seine Welten entführen lässt. Und die geschickt lancierte Mixtur aus Polizei- und Zeitungsgeschichte trägt dazu maßgeblich bei.

Denise Mina: "Die tote Stunde"
Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
Heyne , München 2016
443 Seiten, brosch. 9,99 Euro

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