Dienstag, 27.07.2021
 

Kommentar | Beitrag vom 16.07.2021

Denis Schecks "Anti-Kanon"Die Entwürdigung der Literaturkritik

Von Thomas Fitzel

Literaturkritiker Denis Scheck sitzt bei der Lit.Cologne 2019 auf dem Podium. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Der Literaturkritiker Denis Scheck lässt in seiner SWR-Reihe "Schecks Anti-Kanon" Bücher in Flammen aufgehen. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Literaturkritiker Denis Scheck ist nicht für Zimperlichkeit bekannt. Mit seiner Reihe "Schecks Anti-Kanon" will er die seiner Meinung nach schlechtesten Bücher vorstellen. Thomas Fitzel meint, er setze dabei auf Zirkusstücke – und sei längst ein Clown.

Das ist kein unschuldiges Weiß, schon gar kein paradiesisches, wie behauptet. Das ist ein aggressiv- klinisches Weiß, das einen eher an die Milchbar aus dem Film "A Clockwork Orange" erinnert, nur dass hier nicht Alex DeLarge den Baseballschläger, sondern Denis Scheck, ganz in oberärztliches Weiß gekleidet, das Wort als letalen Knüppel schwingt.

Weiße Buchregale, die Bücher verkehrt herum mit dem Buchschnitt nach vorn, denn wir sind in einer verkehrten Welt, in der Denis Scheck als Literaturpapst den Bannfluch über seinen ganz persönlichen Anti-Kanon verhängt.

Erinnerung an Bücherverbrennungen 

Kulisse ist bei ihm dabei alles – ganz gleich, ob er für sein Magazin Druckfrisch für wenige Sekunden Film um die Welt jettet, nur damit er einen Buchtitel vor malerischer Wüstenlandschaft in die Höhe halten kann, oder ob er hoch zu Ross als Herrenreiter an der langen Leine von Juli Zeh über Literatur doziert.

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Da wird die Literaturkritik als Schindmähre zu Tode geritten. Dabei hat sie gegenwärtig auch ohne ihn schon einen schweren Stand. Unter der knallenden Peitsche der Klickzahlen wird sie zu immer neuen, entwürdigenden Zirkuskunststückchen gezwungen und Denis Scheck gibt dabei wenig kollegial, wenig solidarisch als oberster Dompteur auch noch den Takt vor. Durch diesen Reifen soll künftig alle Literaturkritik springen. Hauptsache es hat Klick gemacht.

Sehen wir darüber hinweg, dass sich manche doch frappant an die Bücherverbrennung erinnert fühlen, wenn Denis Scheck als Möchtegern-Jedi-Ritter oder besser trollgleich seine flache Hand ausstreckt und die jeweils vorgeführten Bücher in Blitz, Flamme und Rauch brizzelnd nihiliert. Aber bisher nahm er so kritisch genüsslich lediglich die geballte Marktmacht der Bestseller-Listen aufs Korn, die das ohnehin wenig juckt. Wobei man sich nach der kühnen Behauptung von Baerbock, keiner schreibe ein Buch alleine, schon fragt, liest denn Scheck tatsächlich diesen ganzen Schrott selbst oder lässt er längst lesen?

Beliebige Gleichsetzungen eines Kritik-Clowns

Bestsellerlisten sind das eine, aber nach nur drei Folgen seines "Anti-Kanons", als ob es überhaupt noch einen Kanon gäbe, der ein Anti braucht, sich von Hitler über Coelho und Fitzek auf Christa Wolfs Roman "Kassandra" zu stürzen, das ist in dieser Gleichsetzung schon infam. Denn genau darunter leidet doch unsere Gegenwart: Der beliebigen Gleichsetzung von allem und jedem und der Algorithmus dient dabei als Gottesbeweis.

In der dionysisch-apollinischen Antike wurde Hybris als maßlose Selbstüberhebung unweigerlich bestraft. Aber in was sollte der Olymp Denis Scheck noch verwandeln wollen? Ein Clown ist er längst. Und eine größere Strafe gibt es nicht.

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