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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.07.2010

Den Tod überlisten

Friederike Mayröcker, "ich bin in der anstalt - Fusznoten zu einem nicht-geschriebenen Werk", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 190 Seiten

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Friederike Mayröcker (AP Archiv)
Friederike Mayröcker (AP Archiv)

Die Wiener Autorin Friederike Mayröcker legt ein großes und radikales Alterswerk vor. Ein Buch nur aus Fußnoten zu ihrem Leben lässt die Sprache schöpferisch werden.

Voller Sprachlust und poetischer Einfälle sind alle Bücher der mittlerweile 85-jährigen großen österreichischen Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die auch in ihren Prosawerken immer Dichterin ist. Sie lassen sich als work in progress lesen, als nie versiegender Sprachfluss, in den man von Zeit zu Zeit eintauchen kann, um erfrischt wieder aufzutauchen. Und doch ist jedes Werk anders.

Das neueste gibt sich paradox: Es besteht überhaupt nur aus Fußnoten, und zwar zu einem Werk, das nicht geschrieben wurde. Gewidmet ist es dem italienischen Germanisten und Freund Luigi Reitani, dem Mayröcker erzählt hatte, sie verfolge seit Jahrzehnten die Idee, mal wieder ein Buch mit Fußnoten zu schreiben. Das solle sie doch einfach machen, war seine Empfehlung, sie könne doch Fußnoten zu einem Buch schreiben, das es gar nicht gibt. Voilà, hier ist es!

Wie so oft bei Friederike Mayröcker entsteht auch hier aus der Formidee eine neue Transformation ihres Lebensthemas: Wie Sprache schöpferisch werden kann, indem man sie anders gebraucht als im täglichen Umgang. Träume, Ängste, Wahrnehmungen werden zu Worteinfällen, die sie nicht am Gängelband der Logik aufreiht, sondern zunächst assoziativ erzeugt, um sie sodann nach poetischen Formgesetzen zu gestalten. Es gibt viel Vertrautes: die Anrufung des im Juni 2000 gestorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl, namentlich oder in Kürzel genannte Freunde, mit denen sie telefoniert oder sich in Kaffeehäusern trifft, Beobachtungen in der Natur, überhaupt spielt die Außenwelt nach wie vor eine große Rolle bei dieser Schriftstellerin, die für das wunderbare Zettelchaos in ihrer Wohnung im 4. Wiener Bezirk berühmt ist.

Was aber stärker ist als je zuvor: der Wunsch, dem Tod von der Schippe zu springen, oder ihn wenigstens so zu überlisten, dass er nicht das letzte Wort haben wird. In gewisser Weise gibt es das Werk, zu dem nun die Fußnoten vorliegen, sehr wohl. Es ist das gesamte Lebenswerk der Schriftstellerin, aus dem sie immer wieder zitiert, völlig uneitel, eher so, als wolle sie sich sammeln.

Friederike Mayröcker hatte niemals Hemmungen, von Konkretem und Körperlichem zu sprechen. Wie sie aber nun die grausamen Tatsachen des Alters beim Namen nennt, in einer faktischen und doch diskreten Sprache, lässt aufhorchen: das Vermeiden des eigenen Anblicks im Spiegel, "mein verwildertes (verstörtes vergröbertes) Gesicht, dasz ich mich verwünsche dasz ich mich schäme", der eigene Geruch am Morgen im Bett, "stallartig", der nächtliche Gang zur Toilette und die Schwierigkeiten beim Wasserlassen, die Scham, sich auszuziehen und die "alte krakelierte Haut an den Armen" bloßzulegen, das Verkümmern der Füße, all diese "Körperquälereien", die zum Alter gehören und die man sich als junger Mensch kaum vorstellen kann.

"Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen", ein Satz von Jacques Derrida, der in diesem Buch herumspukt wie ein guter Geist, funktioniert wie eine Art Quelle für den Wunsch, sich noch einmal und dieses Mal ganz zu offenbaren. "ich bin in der anstalt" ist ein großes und radikales Alterswerk, unerbittlich und sehr zart, allem Lebendigen so zugeneigt wie der Poesie, die es für immer aufbewahrt.

Besprochen von Maike Fessmann

Friederike Mayröcker: "ich bin in der anstalt ". Fusznoten zu einem nicht-geschriebenen Werk
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
190 Seiten, 19,80 Euro

Links bei dradio.de:

Friederike Mayröcker: "dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif", 2009

Eine Prise Hölderlin

Von der Melancholie des Abschieds, 2008

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