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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.03.2009

Den schwarzen Schleier gelüftet

Andrea Claudia Hoffmann: "Der Iran. Die verschleierte Hochkultur", Diederichs Verlag 2009, 235 Seiten

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Am 1. April 1979 rief Ajatollah Chomeini die "islamische Republik Iran“ aus. (AP Archiv)
Am 1. April 1979 rief Ajatollah Chomeini die "islamische Republik Iran“ aus. (AP Archiv)

Unter dem Titel "Die verschleierte Hochkultur" legt die preisgekrönte "Focus"-Auslandskorrespondentin Andrea Claudia Hoffmann die Summe ihrer zahlreichen Reportagereisen in den Iran vor. Jenseits von "Schurkenstaat" und "Achse des Bösen" lüftet sie den schwarzen Schleier, der sich in der westlichen Wahrnehmung über die jahrtausendealte Hochkultur Persiens gelegt hat.

Ein "Schurkenstaat" auf der "Achse des Bösen", der die Hisbollah und die Hamas finanziert und eines Tages womöglich mit Atomwaffen Israel bedroht, der feiert in diesen Tagen das 30-jährige Jubiläum seiner revolutionären Rolle rückwärts ins Mittelalter?

So in etwa sieht der schwarze Schleier aus, der sich in der westlichen Wahrnehmung über die jahrtausendealte Hochkultur Persiens gelegt hat. Und den will die preisgekrönte "Focus"-Auslandskorrespondentin Andrea Claudia Hoffmann mit ihrer luziden Länderkunde lüften.

Zehn Jahre lag bereiste sie den Iran und traf, fließend Farsi sprechend, "Großajatollahs und Oppositionelle, Filmemacher, Frauenrechtler, konservative und liberale Kleriker, aber keinen einzigen Schurken".

In zehn flüssig lesbaren Kapiteln über Geschichte, Religion, Kultur, Politik, Gesellschaft und Alltagsleben der Iraner verblüfft die Autorin den Leser mit weithin unbekannten Fakten: Dass es der Stolz und die allgegenwärtige Bezugnahme auf die vor-islamische Kultur der Könige Kyros und Darius sind, die den Vielvölkerstaat zusammenhalten. Dass der Islam im 7. Jahrhundert mit Feuer und Schwert nach Persien kam und eine bis heute virulente Abneigung gegen alles Arabische begründete. ("Ali Baba, Sindbad der Seefahrer, 1001 Nacht, Aladin und die Wunderlampe sind nun mal persische und nicht arabische Erfindungen; ebenso das Schachspiel und der Polo-Sport").

Dass George W. Bush den schiitischen Ajatollahs einen großen Gefallen tat, als er ihren sunnitischen Kriegsgegner Saddam Hussein stürzte. Und den konspirativ arbeitenden Widerstandsgruppen im Lande keinen Gefallen tat, als er ihnen Unterstützung zusagte und sie damit für jeden stolzen Iraner zu Landesverrätern stempelte.

Verblüfft liest man, dass die von den Ajatollahs erzwungene Trennung von Jungen und Mädchen in der Schule allen streng islamischen Eltern die Ausrede nahm, ihre Töchter zu Hause zu lassen, und einen ungewollten Bildungsboom unter Frauen auslöste. Zwei Drittel der Universitätstudierenden sind heute Frauen.

Auch manch anderer Schuss der Ajatollahs ging nach hinten los: Erst unter der Zensur wurden iranische Filmregisseure international berühmt. Jede "Fatwa" gegen unliebsame Kritiker macht diese schlagartig populär. Legitimierte Zwangsheirat und ungestrafte "Ehren"-Morde treiben junge Frauen vor der Hochzeit in die Anwaltskanzleien, wo einem Bräutigam heftige Bandagen zugunsten der Braut in den Ehevertrag diktiert werden.

Kurz: Jene zwei Drittel der Bevölkerung, die jünger sind als 30, haben sich "in der alltäglichen Schizophrenie zwischen vorgeblich fromm islamischem Verhalten draußen und tatsächlich libertinärem Lebensstil drinnen kreativ eingerichtet".

Was nicht heißt, dass diese Jugend atheistische Überzeugungen vertritt. Wohl aber einen modernen, einen reformierten, einen liberalen islamischen Glauben sucht.

Das vergnügte oder verwirrte Staunen des Lesers über die oft schleierhaften Besonderheiten iranischer Mentalität geht weiter, wenn die Autorin erklärt, warum sich die 35.000 Juden Teherans in den elf Synagogen der Stadt durchaus sicher fühlen. De jure schützt sie Artikel 13 der Verfassung. De facto schützt sie, dass die offizielle Staatsideologie zwischen "jüdischer Religion" und "zionistischer Politik" unterscheidet.

Sogar die schätzungsweise zwei Millionen Sunniten in der Stadt und all die sunnitischen Kurden und Turkmenen im Lande praktizieren unter der "offiziellen" Lesart, dass es sie gar nicht gibt, ihren Glauben relativ unbehelligt.

Andrea Claudia Hoffmann verschweigt nicht, dass protestantische Christen und, vor allem, die Anhänger der Bahai-Religion brutal unterdrückt werden, dass die Abkehr vom islamischen Glauben mit Todesstrafe geahndet wird und von religiöser Toleranz keine Rede sein kann. Die Menschenrechtsverletzungen einer sich theokratisch verstehenden Diktatur werden auf keiner Seite kleingeredet.

Aber: Dieses Buch bringt Tiefenschärfe in unser allzu oberflächliches Iran-Bild, es lässt die Spektralfarben gegen unseren Schwarzweiß-Eindruck aufleuchten. Und es macht nachvollziehbar, warum eine Veränderung der Verhältnisse wohl nur von einer innerislamischen, genuin persischen Reformbewegung zu erwarten sein dürfte.

Rezensiert von Andreas Malessa

Andrea Claudia Hoffmann: Der Iran. Die verschleierte Hochkultur
Diederichs Verlag 2009,
235 Seiten, 19,95 Euro

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