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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2011

Den Alltagstrott ins Stolpern bringen

Eliot Weinberger: "Orangen! Erdnüsse!", Berenberg Verlag, Berlin 2011, 200 Seiten

Auch ein Porträt über Susan Sontag findet sich im neuen Essayband von Eliot Weinberger. (AP)
Auch ein Porträt über Susan Sontag findet sich im neuen Essayband von Eliot Weinberger. (AP)

Der New Yorker Schriftsteller Eliot Weinberger wird seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Essayisten der Gegenwart gezählt. Eine enorme Themenspanne zeigt sich in seiner neuesten Essaysammlung "Orangen! Erdnüsse!". Weinberger würdigt darin auch die 2004 verstorbene Susan Sontag.

Eliot Weinberger lesen ist ungemein belebend. Schon mit seinem ersten 2003 auf Deutsch erschienen Essayband, "Kaskaden" fand er viele Anhänger, die seine zügellose intellektuelle Neugier schätzen. Wer die kleine Betrachtung über das soziale Leben der Nacktmullen darin gelesen hat, hat sie gewiss bis heute nicht vergessen.

Nun liegt der dritte Band dieser speziellen Weinberger-Prosa auf Deutsch vor. Die wachsende Fangemeinde darf sich auf eine frische Sammlung von Themen und Textarten freuen, zusammengetragen aus dem Menschlichen und Botanischen, dem Amerikanischen, Spanischen und Chinesischen, dem Trivialen und Genialen, dem Ästhetischen und Historischen.

Der erste Teil des Buches ist der noch am wenigsten Ungewöhnliche: Porträts und Rezensionen, die eigenwillig und mit kluger Eleganz die literarische Welt durchwandern. Erwähnenswert ist hier vor allem ein kleiner Abriss über die Tangzeit vom 7. bis zum 10. Jahrhundert, mit umwerfenden Entdeckungen aus der chinesischen Lyrik. Man bekommt sofort Lust, sich eine Anthologie anzuschaffen. Das ist das Schöne an der Weinberger-Lektüre: Man kommt auf völlig neue Gedanken.

In ganz anderer Weise interessant ist seine Würdigung der 2004 verstorbenen intellektuellen Gallionsfigur Susan Sontag: Wie man erst nach und nach merkt, ist es eine mit subtil boshafter Höflichkeit abgefasste Demontage der so genannten "klügsten Frau Amerikas". Unter Weinbergers Blick bleibt von ihr nicht viel mehr als eine fleißige und begabte Musterschülerin übrig, die sich selbst überschätzt und sich in den ganz Großen nur gespiegelt hat. Das ist scharf analysiert – aber nicht frei von Eitelkeit: Auch hier spiegelt sich ein großer Essayist in einem großen Vorbild.

Die Perlen dieses Bandes aber sind die typisch Weinberger’schen Textkompostionen aus Zitaten, ultrakurzen Anmerkungen und zusammengetragenen Fakten, wie der - sehr kurze - titelgebende Text "Orangen! Erdnüsse!", der zu einem 80 Jahre alten Foto eines mexikanischen Straßenhändlers verfasst wurde.

Man bekommt bei diesen ungewöhnlichen Kompositionen immer einen Eindruck, als fügten sich die disparaten Bestandteile der großen weiten Welt willig unter die Macht des Denkens – und des Formulierens. Aber, von solchem literarischen Größenwahn abgesehen: Nach der Lektüre wird das Essen von Erdnüssen und Orangen ein anderes Erlebnis sein.

Das ist Weinbergers größtes Verdienst. Er erzeugt Denk-Anomalien, Wahrnehmungsempfindlichkeiten, bei denen der geistige Alltagstrott, der sich bei regelmäßiger zeitgenössischer Lektüre im Kopf des Lesers zwangsläufig einstellt, ins Stolpern, manchmal sogar ins Tanzen gerät.

Besprochen von Katharina Döbler

Eliot Weinberger: "Orangen! Erdnüsse!"
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Berenberg Verlag, Berlin 2011
200 Seiten, 24,00 Euro

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