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Fazit | Beitrag vom 17.07.2021

"Demokratische Sinfonie" in OldenburgDie Bratsche steht für Angela Merkel

Von Michael Laages

Angela Merkel spricht am Rednerpult des Deutschen Bundestages. Sie trägt eine rote Jacke, die linke Hand berührt das Rednerpult, die rechte hält sie angewinkelt bis in Schulterhöhe in die Luft. (picture alliance / AA / Abdulhamid Hosbas )
Angela Merkel bei der Generaldebatte im Bundestag am 12. September 2018. Diese Sitzung war ein Schwerpunkt bei dem Musikexperiment. Die Wahl der Bratsche für die Kanzlerin ist ein ambivalentes Urteil. (picture alliance / AA / Abdulhamid Hosbas )

Mit einem Musiktheaterabend erkundet das Oldenburgische Staatstheater die politische Debattenkultur. Auf Basis von Bundestagsdebatten hat Komponist Paul Brody Sprachmelodien und Emotionen der Abgeordneten in Musik übersetzt. Ein gelungenes Experiment.

Frisch gewählt sind die Damen und Herren, die da gerade Platz nehmen im Halbrund der Arena aus blauen Sesseln - im neuen Deutschen Bundestag, dem 19. Parlament seit 1949. Eine Wahlurne war zu sehen gewesen auf der Bühne, Menschen steckten weiße Zettel hinein; dann wurde die vom TV-Bildschirm vertraute Ergebnis-Grafik simuliert, und aus den Blöcken in Schwarz, Rot und Grün, Gelb und Blau gaben die führenden politischen Köpfe von CDU/CSU, SPD und Grünen, FDP und AfD per Video-Projektion die ersten Statements nach der Wahl ab.

Der Klang von Debatten

Schließlich schwor die Stimme von Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble das Personal ein auf die parlamentarischen Regeln – und jetzt, bei Schäubles Rede, war erstmals das Prinzip zu hören, auf dessen Basis Komponist Paul Brody die "Demokratische Sinfonie" entworfen hat.  Die Uraufführung ist die letzte Premiere der Saison am kleinen Staatstheater in Oldenburg – und sie ist ein musikalisches Abenteuer.

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Brody, hauptsächlich Jazz-Trompeter, dessen weltmusikorientierte Band "Sadawi" stets eine der wichtigsten und prägendsten Jazz-Stimmen der jüdischen Diaspora in Europa blieb, hat sich mit einem Phänomen beschäftigt, das jedem Beobachter und jeder Beobachterin des politischen Alltags vertraut ist: mit dem Klang von Debatten.

Nicht nur, dass Angela Merkel naturgemäß nicht wie Alice Weidel oder Katrin Göring-Eckardt klingt und Alexander Gauland nicht wie Christian Lindner – neben der menschlichen und intellektuellen Differenz macht die Art des Sprechens, die Haltung und die Emotion den Unterschied im politischen Diskurs aus. Ja: Der Ton macht die Musik. 

Eine Bratsche namens Angela Merkel

Hier hat Brody angesetzt – und die Worte von Politikerinnen und Politikern in Musik "übersetzt". Er folgt dabei vor allem Höhen und Tiefen, Auf und Ab, Spannung und Entspannung, Gelassenheit und Erregung in Stimme und Ton – und setzt diesen Strom der Worte dann in Noten. Außerdem ordnet er bestimmte Stimmen den entsprechenden Instrumenten des Orchesters zu. 

Gelassenheit und Gleichmut der Kanzlerin etwa sieht er besonders passgenau im Klang der Bratschen repräsentiert – was durchaus als charmanter Nadelstich durchgehen kann, denn das Instrument gilt als eines der langweiligsten überhaupt. Aber es steht durchaus beruhigend dem Lärm gegenüber, der von anderen Teilen des Instrumentariums zu verantworten ist.

Der 19. Bundestag, dessen Nachfolger in wenigen Wochen gewählt wird, war und blieb deshalb besonders, weil mit der Fraktion rechtsaußen im Saal (und jetzt in der Simulation auch auf der Oldenburger Bühne) eine neue Stimme im Chor der Tagespolitik mitsprach: die der AfD-Fraktion. Das Maß an zusätzlicher Aggression, die von dort ausging, war und blieb enorm und führte zu deutlichen Verlusten im zuvor stets sehr zivilisierten, tendenziell schiedlich-friedlichen Umgang miteinander. Vorher hatten Übereinstimmung und Kompromiss im Mittelpunkt gestanden, auch jenseits von Fraktionen und Koalitionen – jetzt ging es fast immer hart auf hart, Beleidigung und Verletzung inklusive.

Hass, Polemik und Verachtung in Musik übersetzt

Weil das so blieb und sicher bleiben wird, wirkt Paul Brodys Methode der Musikalisierung so erhellend: Die "Demokratische Sinfonie" versucht tatsächlich der Frage nachgehen, wie Hass klingt, wie Polemik und Verachtung; aber auch, wie demgegenüber das Bemühen um liberale Zivilisiertheit klingen kann, um Gemeinschaft und soziale Verantwortlichkeit, um Humanität und Zukunftsfähigkeit. Wie klingt womöglich gar die Bitte um Entschuldigung, zu der die Kanzlerin sich rund um Ostern dieses Jahres durchringen musste, mit dem Eingeständnis von Fehlern in der Pandemie-Politik?

Der Hass-Ton, so viel wird sehr schnell klar, mag für Aufregung stehen in dramatischen Gegenwarten – nach Zukunft klingt er nicht.

Regisseur Kevin Barz und Dramaturgin Anna-Teresa Schmidt haben aus immensen Mengen dokumentarischen Materials der Parlamentsdebatten vor allem ein sehr frühes Plenum ausgewertet, das vom Mittwoch, dem 12. September 2018, als sich die Neuauflage der Großen Koalition gerade formiert und etabliert hatte und von Rechtsaußen immer hetzerischer über Probleme der Migration gesprochen wurde und sonst über gar nichts.

Die Dokumentation des Hasses bleibt schwer zu ertragen, die Worte sind sogar deutlich dissonanter als Brodys Musik; und die Provokateure ziehen auch den Rest des Personals mit hinein in die Dauer-Schlammschlacht. "Hass macht hässlich" – das ist sicher das wahrhaftigste Zitat in diesem Sprach-Spektakel. Das galt aber leider nicht nur für die, die den Hass predigen.

Debatten aus dem vergangenen wie dem laufenden Jahr führen die "Demokratische Sinfonie" ganz nah heran an die Gegenwart der Pandemie.

Beispielhafte Leistung von Ensemble und Orchester

Wenn die Spielzeit halbwegs normal beginnen sollte, positioniert sich das Oldenburgische Staatstheater, eines der kleinsten im Theaterland, gerade 175 Jahre alt geworden und unter anderem in einem herrlichen alten Hoftheater zu Hause, sehr markant, kraftvoll und vorbildlich in der Vorwahlzeit. Schauspielensemble und Orchester unter Leitung von Vito Cristofaro beweisen auf beispielhafte Weise, was ein Theater leisten kann.

Das stärkste Signal neben Brodys Musik bleibt immer präsent an diesem Abend – denn nicht der Schriftzug vom Reichstagsportal hängt oben in der Bühne, also nicht "Dem Deutschen Volke", sondern "Der Bevölkerung", das Motto, das der Künstler Hans Haacke der Erdskulptur im Innenhof des Parlamentsgebäudes gab. Parlamentarierinnen und Parlamentarier können hier seit mittlerweile 20 Jahren Erdproben der eigenen Heimat deponieren. Und Haacke behielt recht – die "Bevölkerung", das sind alle, ohne jeden Unterschied. Diese einfache Wahrheit ersetzt viele Debatten.

Demokratische Sinfonie
Von Paul Brody und Kevin Barz
Oldenburgisches Staatstheater
Bis 24. Oktober 2021

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