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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.01.2018

Demokratie und HumorDie Angst deutscher Politiker vor Satire und Ironie

Andreas Dörner im Gespräch mit Ute Welty

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(picture alliance/dpa/Henning Kaiser)
Meist lassen deutsche Politiker Sinn für Humor mit "Tätäää - Tätäää" nur zur Karnevalszeit aufblitzen – hier Cem Özdemir (Grüne) und Christian Lindner (FDP). (picture alliance/dpa/Henning Kaiser)

Demokratie ist keine Spaßveranstaltung - kann aber sehr durch humorvolle, selbstironische Politiker gewinnen. Das demonstrierte Ex-US-Präsident Barack Obama par excellence. Die Humorkompetenz deutscher Politiker dagegen sei nicht sehr ausgeprägt, meint Medienwissenschaftler Andreas Dörner.

"Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind", sagte einst Winston Churchill. Auf jeden Fall fand Churchill, bekannt für seinen Sinn für Humor, Demokratie von allen Regierungsformen am unterhaltsamsten. Und warum scheint in Deutschland diese These nicht zuzutreffen?

Der Marburger Medienwissenschaftler Andreas Dörner, der zum Unterhaltungswert von Politik schon mehrere Bücher veröffentlicht hat, meint: Demokratie lebe auch davon, dass sie unterhaltsam präsentiert werde.

Obama kann Humor und Selbstironie, Trump nicht

"Ich glaube, dass klug gesetzte Unterhaltungseffekte durchaus geeignet sein können, die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf die Politik zu lenken – wenn man es nicht zu weit treibt, wie es jetzt teilweise im Weißen Haus gemacht wird."

Die USA unter Donald Trump führten gerade vor, "wie es nicht laufen sollte". Unter Barack Obama dagegen habe die Kombination Politik und Humor und Unterhaltung dagegen sehr gut funktioniert – was vor allem an Obamas Sinn für Selbstironie und seiner Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, gelegen habe. "Das kam beim Publikum gut an, weil man gemerkt hat: Der ist nicht abgehoben." Donald Trump hingegen sei offenbar sehr wenig zur Selbstironie fähig.

Deutschen Politikern fehlt der Mut – außer Gysi

Der derzeitigen Sondierungsrepublik Deutschland hingegen täten ein wenig Humor und Ironie ganz gut, sagte Dörner. "Humorkompetenz" sei bei deutschen Politikern nicht sehr weit verbreitet. Politische Akteure wie der Linken-Politiker Gregor Gysi mit seinem unterhaltsamen Sinn für Ironie bildeten hier eine Ausnahme.

Dörner sagte weiter, er habe zu diesem Thema auch den "Heute-Show"-Moderator Oliver Welke befragt. Die Satire-Sendung versuche immer wieder, Politiker in die Sendung einzuladen. Doch nur sehr wenige, wie etwa Wolfgang Bosbach (CDU), trauten sich zu "auf dieses kommunikative Glatteis zu gehen".

Die Angst vorgeführt zu werden, sei groß. Es fehle vielen Politikern an humorvoller Schlagfertigkeit. Und dieses Manko könne auch nicht durch Kommunikationstraining ausgeglichen werden.

Es sei nicht leicht, die Balance zwischen Spaß und Ernst zu finden. Versuchten Politiker es doch einmal, die Wähler demonstrativ humorig für sich zu gewinnen, gehe das häufig schief. Der beste Beweis sei die Spaß-Kampagne der FDP zu Beginn der 2000er-Jahre gewesen, die letztlich nicht gut angekommen sei: Guido Westerwelle habe viel Jahre gebraucht, sich davon zu erholen.

(mkn)

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