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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.03.2014

Demografischer WandelWir brauchen alltägliche Begegnungen

Wie eine Mehrgenerationengesellschaft möglich ist

Von Hildegard Schooß

Zwei Nachbarn aus unterschiedlichen Generationen (picture alliance / dpa / Matthias Balk)
Gute Nachbarschaft hängt nicht am Alter. (picture alliance / dpa / Matthias Balk)

Alle Generationen seien auf Solidarität angewiesen, sagt Hildegard Schooß, die Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes der Mütterzentren. Sie plädiert für alltägliche Begegnungen, etwa in Kitas und Altenheimen unter einem Dach.

Das Leben in öffentlichen Einrichtungen für Kinder wie für alte Menschen hat eine altersspezifische Struktur: die Kinder werden schon früh nach Altersgruppen getrennt, in: Krippe, Kindergarten, Hort; alte Menschen leben allein oder in Heimen, wo sie die Jüngeren nur noch bei seltenen Veranstaltungen erleben, Stichwort: Kita besucht Altenheim.

Ein Kennenlernen der jeweiligen Bedürfnisse und Lebenskultur ist so nicht mehr mög­lich. Demzufolge können die Generationen auch nicht voneinander profitieren. Das Lernen durch Vorbilder im Alltag ist oft ausgegrenzt und wird zum Sonderereignis, mit Projektstatus. Unsere Gesellschaft hat sich als Gegenentwurf zur Familie auf das Prinzip der "Säulen" eingerichtet, Säulen die nicht verbinden, sondern trennen. Wir haben die Bevölkerung perfekt in voneinander getrennte Gruppen eingeteilt, ‘Zielgruppen‘ nennt man das in der Fachsprache, und das beginnt bereits in der Kinderbetreuung.

Damit werden der Kontakt und das voneinander Lernen unterbunden, bei vielen Einzelkindern ist das fatal; und so geht das auch weiter, Grundschüler werden getrennt von Hauptschülern und diese Schüler treffen ganz sicher in ihrem Schulalltag nicht auf Gymnasiasten, Alte begegnen den Jungen nicht und umgekehrt.

Was kann daraus werden? Jedenfalls entsteht daraus keine Solidarität für unterschiedliche Lebensbedürfnisse. Gleichwohl ist die Gesellschaft auf die Solidarität der Menschen untereinander angewiesen. Damit wir das aber erreichen brauchen wir etwas anderes, als Separierung. 

Es gibt bereits das eine oder andere Altenheim, das unter seinem Dach auch einen Kindergarten einplant und vielleicht sogar eine Volkshochschule. Aber das reicht noch lange nicht, auch der monatliche Kontakt einer Grundschule mit Bewohnern eines Altenheimes ist zu wenig. Was wir brauchen, sind Gelegenheiten für alltägliche Begegnungen.

Orientiert an Alltagsbedürfnissen 

Um eine Mehrgenerationengesellschaft zu erreichen, müssen Offene Häuser eingerichtet werden, die sich alltäglich öffnen für Menschen aller Generationen, in unterschiedlichen Lebenslagen, mit vielen Interessen und Bedürfnissen und die sich dort als Wahlverwandte begegnen können, ohne Zeitvorgaben wie in einem Stundenplan. Das scheint ein großes Experiment zu sein, obwohl sich viele genau das wünschen.

Es müsste überall in die Stadtteil-Planung einfließen, um Quartiere zu entwickeln, wo von allem etwas angeboten wird, auf kurzem Weg, zum Anfassen und zum Mitmachen. Die Möglichkeiten einander zu begegnen stehen im Mittelpunkt, es gibt jeden Tag was Gutes zu Essen, Unterstützung und Beratung, praktische Dienstleistung und vieles voneinander zu lernen. So ist der Weg von der Säule in die Gemeinschaft – in die Mehrgenerationengesellschaft möglich.

Diese Vision ist keine mehr, sie ist bereits realisiert, sozusagen als Pilotmodell für intergeneratives Leben und Arbeiten für Jung und Alt unter einem Dach: im SOS-Mütterzentrum und Mehrgenerationenhaus Salzgitter. Hier ist Begegnung von Jung und Alt Alltag und wird nicht extra organisiert, sie orientiert sich an den Alltagsbedürfnissen eines Jeden.

Hier wird sozia­les Verhalten ohne Altersbegrenzung ganz selbstverständ­lich erfahren und geübt. Kinder von ein bis 12 Jahren aus den Familiengruppen, Jugend­liche, die im Haus engagiert sind, Babys mit ihren Müttern und manchmal Vätern, aktive Erwachsene und alte, auch demente Menschen bilden unter einem Dach die Basis für eine kontinuierliche und zuverlässige Versorgung mit gegenseitiger Zuwendung und Betreuung, Anregungen, Bildung und Lernen, Sicherheit und Schutz. Das ist das Zeug, wo Menschen miteinander und voneinander lernen und Verantwortung für sich und andere übernehmen. Mehr davon!


Hildegard Schooß (privat)Hildegard Schooß (privat)Hildegard Schooß, geboren 1944, verheiratet, drei Kinder, vier Enkelkinder. In den 70-er Jahren Gründung und Konzeptentwicklung der Mütterzentren, 1990 Erweiterung zum generationsübergreifenden Ansatz. 2004 im Auftrag von Bundesministerin Ursula von der Leyen Entwicklung des Modells Mehrgenerationenhäuser für das Aktionsprogramm der Bundesregierung, hier als Expertin tätig. Berufliche Tätigkeit: Bis 2004 Leitung des SOS-Mütterzentrums Salzgitter, ab 2003 beratende Tätigkeiten als Expertin für das Sozial Ministerium NDS und im Team der Serviceagentur im Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser der Bundesregierung. Freiberufliche Tätigkeit als Beraterin, Coach und Trainerin von Initiativen, Trägern, Fachleuten, Behörden und Politik zu Fragen von generationsübergreifenden Konzepten.

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