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Tonart | Beitrag vom 31.05.2021

Del Amitri mit neuem AlbumComeback mit entwaffnenden Songs

Von Oliver Schwesig

Justin Currie, der Sänger der schottischen Band Del Amitri, singt bei einem Konzert und spielt dazu Gitarre. (Imago/ ZUMA Press / Paul Storr)
Sie haben es noch drauf, findet unser Kritiker Oliver Schwesig: die schottische Band Del Amitri mit ihrem Sänger Justin Currie. (Imago/ ZUMA Press / Paul Storr)

Del Amitri lieferte bis Mitte der 90er-Jahre zuverlässig Popsongs, die sich gegen alle Charttrends behaupten konnten. Nach langer Pause ist mit "Fatal Mistake" ein neues Album der schottischen Band auf dem Markt. Unser Kritiker ist begeistert.

Die Band Del Amitri macht Pop, der auch nach über 30 Jahren noch entwaffnet: Da ist der federleichte Beatles-Pop, die zuckersüßen Melodien, das klassische Songwriting und die sonore, leicht klagende Stimme von Justin Currie. Aus der Sicht des deutschen Pop-Radios gehört dieser Sound quasi zum immateriellen Kulturerbe.

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Eine politische Band war Del Amitri nie. Auf der neuen Platte "Fatal Mistakes" konnten sich die Musiker dann der aktuellen Lage doch nicht entziehen. Der Titel der ersten Single "Close Your Eyes & Think Of England" erklärt sich fast von selbst: Sänger Justin Currie stinkt der Brexit und der Nationalismus seiner Landsleute gewaltig.

Ein Herz für Alltagsfiguren

Dieser Song bleibt allerdings der einzige politische Kommentar. Ansonsten zeigt die Band auf diesem Album, was sie schon immer am besten konnte: Kleine Stories von kleinen Leuten. Die Randfiguren des Alltags bevölkern ihre Songs:

die mit gebrochenem Herzen, die Traurigen, die Alleinsitzer in der Kneipe – genau die, die eigentlich immer die besten Geschichten haben. Zum Beispiel im Song "Missing Person." Eine Kneipen-Story, wie Justin Currie erzählt.

"In dem Song ist der Icherzähler die ‚missing person‘. Er vermisst den Menschen, von dem er sich gerade getrennt hat. Eine Geschichte, auf die ich bei mir um die Ecke gekommen bin. Nicht weit von meinem Haus befindet sich in einer Straße eine Reihe von Bars.

Und wenn mir abends mal langweilig ist, gehe ich kurz vor der Sperrstunde oft hin, trinke allein ein Guinness und beobachte die Leute. Die denken dann vielleicht: ‚Warum trinkt er allein? Der ist bestimmt traurig.’ Und so bin ich auf diesen Song gekommen: der Typ mit Liebeskummer, der im Selbstmitleid versinkt. Klassischer Country- und Western-Stoff."

Nie vom Mainstream verschluckt

"Fatal Mistakes" ist ein typisches Del Amitri-Album. Obwohl, ein untypisches Del Amitri-Album gab es noch nie! 30 Jahre derselbe Sound – das hat bei Del Amitri seltsamerweise immer funktioniert. Ihr Glück war unter anderem, dass der Mainstream die Band nie verschluckt hat. Für Trends und Moden war die Musik von Del Amitri nie anfällig. Und: Ihr Publikum sei treu mitgelaufen, sagt Justin Currie.

"Naja, unser Publikum ist ein bißchen wie wir: Schräger Musikgeschmack, sehr leidenschaftlich wenn es um Musik geht. Und: Sie hören nicht nur ein Genre. Ich glaube, sie mögen, dass wir uncool sind", ist der Sänger überzeugt. "Und wir mögen auch, dass sie uncool sind – und dass sie bei Musik genau zuhören. Deshalb waren wir als Band auch immer eher am Rande des Mainstreams. Wir hatten nie große Top-10 Hits."

Bryan Tolland, Justin Currie, Paul Tyagi und Iain Harvie von Del Amitri bei einem Photoshooting vor dem Chrysalis Records Office. London, 12.07.1985  (Imago / Future Image / R. Keuntje)So fing Mitte der 80er-Jahre alles an: Bryan Tolland Justin Currie Paul Tyagi und Iain Harvie von Del Amitri. (Imago / Future Image / R. Keuntje)

Das stört Currie aber nicht, ganz im Gegenteil, das sei gut so: "Weil wir über die Jahre davon leben konnten. Viele Fans sagen uns: Mensch, ihr könntet doch so viel größer sein. Aber warum? Wir sind nicht Bon Jovi! Wir wollen auch gar nicht Bon Jovi sein! Wir wollen eigentlich ein wenig smarter sein als das."

ausbalanciert und formvollende

Auch wenn es der seit Jahren gleiche Sound ist – man steht immer noch kopfschüttelnd vor diesen großartigen Songs. Zum Merkwürdigsten bei Del Amitri gehört, dass ihre Musik nie ausleiert. Man sucht nach Fehlerhaftem. Aber da ist nichts. Alles ist hier perfekt und fehlerlos zusammengefädelt.

So sehr man anderen Bands gerne vorwirft, seit Jahrzehnten dasselbe zu spielen: Bei Del Amitri wünscht man sich, dass sich bloss nichts ändern möge an ihrer magischen Formel. Ausbalancierte, formvollendete Pop-Songs, so weit das Auge reicht. Eingängig und klug. Dieses simple Urteil sei erlaubt: Einfach toll!

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