Dekonstruktion der Romantik?

Bronze-Büste von Gustav Mahler © AP Archiv
Gast: Jonathan Nott; Moderation: Gerald Felber · 09.10.2011
Gustav Mahlers 7. Sinfonie führt unter den - inzwischen recht häufigen - Aufführungen von dessen Werken immer noch ein Rand-, wenn nicht Schattendasein; das aber dürfte der Komponist kaum gemeint haben, wenn er das zentrale Scherzo des fünfsätzigen Stückes mit der seltsamen Vortragsbezeichnung "schattenhaft" versah.
Seltsamkeiten und Verrätselungen gibt es in dieser Sinfonie auch sonst genug, und Jonathan Nott, der sie mit seinen Bamberger Symphonikern gerade eingespielt hat und sich im Gespräch mit Gerald Felber über das Werk äußert, empfindet es jedenfalls als Vorteil, ihr nicht gleich zu Beginn, sondern eher am Ende seiner jahrelangen Beschäftigung mit Mahler begegnet zu sein.

So sind für den englischen Dirigenten jene Irritationen, die auch ausgesprochene Mahler-Kenner vor allem angesichts des scheinbar fröhlich lärmenden, muskelspielenden Finales empfinden, Missverständnisse: er sieht darin wie im Ganzen der Sinfonie vielmehr einen Ausdruck bewusst ausgestellter Sinnentleerung und der zutiefst tragischen Tatsache, dass Ideal und Realität nicht mehr zusammengebracht werden können; die vertrauten Klangformeln der Romantik werden zu Kulissen und Masken, die wie in Alpträumen eine bedrohliche Zwanghaftigkeit annehmen. Neben Notts eigener, ganz frischer Aufnahme erklingen Interpretationsvarianten von Hermann Scherchen, Jascha Horenstein, Claudio Abbado, Simon Rattle, Michael Gielen und Daniel Barenboim.