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Zeitfragen | Beitrag vom 16.09.2021

Dekolonisierte OrnithologieWarum einige Vögel neue Namen brauchen

Von Carina Schroeder

Schwimmende afrikanische Anas Hottentota, genannt Pünktchenente - nach ihrem gepunktetem Gefieder  (imago/imagebroker)
Die Pünktchenente wurde früher Hottentottenente genannt, nach einer aus der Kolonialzeit stammenden rassistischen Bezeichnung für Menschen aus Südafrika und Namibia. (imago/imagebroker)

Pflanzen und Tiere wurden zu Kolonialzeiten mit Namen belegt, die sich bis heute in der international anerkannten biologischen Nomenklatur finden. Nun fordern Wissenschaftler, die Bezeichnungen kritisch zu hinterfragen - und zu dekolonisieren.

David Lindo ist Experte für städtische Vögel - sein Spitzname: "The Urban Birder". Fasziniert ist er von Vögeln seit seiner Kindheit. Schwarze Vorbilder unter den Vogelkundlern fehlen ihm allerdings mindestens genauso lange.

"Es gibt 11.000 Vogelarten und ich kenne nicht eine, die nach einer schwarzen Person benannt ist. Viele sind nach weißen Männern benannt, wenige nach Frauen. Und von denen wurden wieder viele von Männern benannt, um ihre Frau zu ehren."

"Weiße" Namen für Vögel

Dafür gibt es einen ernüchternden Grund: "Die Vögel sind zu Kolonialzeiten mit wissenschaftlichen und mit deutschem Namen belegt worden."

Im 15. bis 19. Jahrhundert - als die Weltmächte expandierten, sich andere Länder aneigneten und deren Bevölkerung brutal unterwarfen – erhielten auch viele Vögel die Namen, mit der sie in der gängigen, international anerkannten biologischen Nomenklatur noch heute verzeichnet sind, erklärt Peter Barthel.

Vogelnamen: Ballast aus der Kolonialzeit

Er ist Vorsitzender der Kommission "Deutsche Namen der Vögel der Erde" der deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Diese hat im vergangen Jahr eine überarbeitete Liste der deutschen Vogelnamen herausgegeben, "weil seit über 100 Jahren sehr viel an Ballast in den Vogelnamen mitgeschleppt worden ist."

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Darunter etwa Namen, die nicht zur Vogelart passten oder eben auch: diskriminierende Namen. Ein Beispiel ist der Velázquez-Specht, benannt, um Diego Velázquez de Cuéllar zu ehren – ein spanischer Eroberer und im 16. Jahrhundert Gouverneur von Kuba. Lange Zeit eine klassische Vorgehensweise.

"Und der Vogel ist jetzt umbenannt in Karibikspecht, was einfach sehr treffend seine tatsächliche Verbreitung auch kennzeichnet."

Diskriminierende Namen sollen verschwinden

Insgesamt stehen nur wenige Vögel auf der Liste, deren Namen einen diskriminierenden Charakter haben - und deshalb geändert wurden, betont Peter Barthel. Gerade einmal rund 30 - unter diesen auch die Pünktchenente.

"Wissenschaftlich heißt die Anas Hottentota."

Benannt nach einer aus der Kolonialzeit stammenden und damals üblichen, rassistischen Bezeichnung für Menschen aus Südafrika und Namibia.

"Etwas denkfaul wurde bis vor kurzem die deutsche Bezeichnung ‚Hottentottenente‘ praktisch wörtlich übernommen. Pünktchenente ist sehr viel schöner, denn sie zeigt ein Merkmal auf, nämlich ihr hübsch gesprenkeltes Gefieder."

Geändert werden nur lokal übliche Namen

Wichtig zu wissen, sagt Peter Barthel: Sind Namen einmal in die geltende biologische Nomenklatur eingegangen, sind sie im Grunde unveränderlich – egal wie unsinnig, falsch oder diskriminierend sie sind. Die offizielle Begründung: Durch eine Änderung könnte Chaos in die Forschungsliteratur kommen. Was veränderbar ist, sind die umgangssprachlichen, lokalen Namen. 

Während im Fall der Pünktchenente offensichtlich ist, wieso eine Umbenennung wünschenswert wäre, ist es bei anderen Vögeln komplizierter. Bei den "Thors-" und "Odinshühnchen" etwa. Ihr Name verweist auf die germanischen Götter Thor und Odin – die ihre Namen seinerzeit von Günther Niethammer erhielten.

"Wenn man sich die Person Günther Niethammer anschaut, dann ist es relativ erschreckend, was der für eine Karriere gemacht hat. Also der war Ornithologe, also Vogelkundler, gleichzeitig aber auch Anhänger der Nationalsozialisten, war Mitglied in der NSDAP, auch Mitglied in der SS, war zeitweise stationiert in Auschwitz und hat auch ein Buch über die Vogelwelt von Auschwitz geschrieben."

Problem: rassistische Namensgeber

Später war Niethammer Vorsitzender der deutschen Ornithologen-Gesellschaft, erklärt Jonas Voß von der Fachstelle Radikalisierungsprävention im Naturschutz, kurz FARN. Die Organisation möchte aufzeigen, warum es gerade auch beim Umweltschutz wichtig ist zu schauen, wer hinter bestimmten Zielen steht.

"Rechtsextreme Gruppierungen, Parteien, anderweitig Engagierte versuchen, in den gesellschaftlichen Diskurs einzugreifen, auch über Naturschutzthemen, gerade weil es so unverfänglich ist."

Peter Barthel von der deutschen Ornithologen-Gesellschaft allerdings kann keine Diskriminierung erkennen, wenn "Thors"- und "Odinshühnchen" ihre Namen behalten.

Welche Namen also sollten geändert werden? Welche sind unproblematisch? Die Debatte wird vor allem in den USA derzeit lautstark geführt. Ornithologen prüfen dort die Geschichte von 150 Vögeln, die nach Personen benannt wurden. Vogelnamen im alltäglichen Sprachgebrauch zu ändern – das zumindest sei relativ unproblematisch – und geschehe ohnehin. Sagt Robert Driver, Doktorand an der East Carolina University.

Vogelnamen ändern sich mit den Sprachgewohnheiten

"Auch wenn bestimmte Ornithologische Gesellschaften sich Stabilität wünschen: Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich die gebräuchlichen Namen für Vögel ständig ändern. Sie sind fließend, eben gebunden an die Sprache, die sich ja auch ständig entwickelt."

In Schweden etwa, sagt Robert Driver, seien 2015 auf öffentlichen Druck hin zehn diskriminierende Vogelnamen geändert worden.

Keine international verbindlichen Standards

"Die Gesellschaften können ihre eigenen Regeln für die Umbenennung machen. Übergreifende Regeln gibt es nicht."

Die International Ornithologists’ Union möchte sich auch lieber aus Umbenennungsplänen heraushalten. Es gebe größere Probleme als Vogelnamen, sagt die Vorsitzende Dominique Homberger:

"Die Gefahr, dass wir uns jetzt jahrelang bemühen Vogelnamen zu ändern - diese Energie wird nicht dazu verwendet, auf der anderen Seite die katastrophale Lage der wilden Vögel zu verbessern."

Bevor Namen geändert werden, würde Dominique Homberger lieber darüber abstimmen lassen, was als diskriminierend empfunden wird.

Mehr Diversität auch in der Vogelkunde

Für Vogelkundler David Lindo allerdings wäre das nur ein weiteres Beispiel dafür, dass sein Fachgebiet in Sachen Diversität noch eine Menge aufzuholen hat.

"Es muss viel mehr getan werden, damit die Vogel-Community inklusiver wird. Vieles von dem, was in den Zeitungen steht, basiert nach wie vor auf der Vorstellung, dass die Leute, die sowas interessiert, zur weißen Mittelschicht gehören."

Wäre es anders, dann gäbe es auch mehr schwarze Vorbilder, mehr People of Color, in der Biologie.

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