Hörspielmagazin, vom 25.11.2020

Dekolonisierte MusikgeschichteHere History Began

Eine Reihe der Klangkunst im Deutschlandfunk Kultur

Wie erzählen wir die Geschichte der musikalischen Avantgarde? Welche Figuren und Orte bestimmen die Handlung und warum? Welchen Einfluss hatte der Kolonialismus auf die musikalische Entwicklung? Diese Fragen behandelt die Klangkunst-Reihe "Here History Began".

Eine Illustration zeigt ein maghrebinisches Konzert in der Wüste um 1900. (imago images / KHARBINE-TAPABOR)
Wer schreibt Musikgeschichte? Und aus wessen Perspektive? (imago images / KHARBINE-TAPABOR)

Wo fängt die Geschichte der musikalischen Avantgarde an? Eigentlich müsste genau an dieser Stelle festgehalten werden: Wann und wo stellt man wem diese Frage? Denn: Ist nicht ein Anfang immer eine Setzung? Und hat eine Erzählung nicht zwangsläufig eine Perspektive?

Die Klangkunst-Reihe "Here History Began" mit insgesamt vier Sendungen widmet sich der arabischen musikalischen Avantgarde - mit dem Versuch, koloniale Erzählungen und eurozentrische Perspektiven zu überwinden.

"Here History Began" - denselben Titel trägt eine Licht- und Toninstallation, die seit 1961 jeden Abend aufgeführt wird an den großen Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Die Musik dazu stammt von dem Komponisten Halim El-Dabh, geboren 1921 in Kairo, gestorben 2017 in den USA.

Man könnte sagen, dass mit Halim El-Dabh die Geschichte der elektronischen Musik beginnt. Noch vor Pierre Schaeffer in Frankreich erfand er 1944 in Ägypten die Komposition mit Tonbandgeräten, die spätere "musique concrète". Dafür nahm er ein Heilungsritual des Zâr-Kultes auf.

Aber wird man mit dieser Erzählung wirklich der Sache gerecht? Warum müssen Historien immer einen klaren Anfang haben, meist in Gestalt eines Mannes? Und warum ist es wichtig, ob dieser Anfang in Europa liegt oder anderswo? Vielleicht beginnt die Geschichte eher mit einem Kongress für arabische Musik in Kairo 1932, an dem Halim El-Dabh als Kind teilgenommen hat, neben Béla Bartók, Paul Hindemith, Kurt Sachs und anderen?

Vielleicht beginnt die Geschichte auch mit Musikerinnen und Musikern von heute, für die Avantgarde und Tradition in einem ganz anderen Verhältnis stehen.

Die Stücke der Klangkunst-Reihe "Here History Began"

Hörbrief an Halim El-Dabh
(Deutschlandfunk Kultur, Klangkunst, 06.11.2020)

Portraitaufnahme des Komponisten Halim El-Dabh (Kent State University). (Kent State University)Der ägyptisch-amerikanische Musiker Halim El-Dabh zählt zu den größten Innovatoren der Musik im 20. Jahrhundert. Nie von ihm gehört? Warum eigentlich? Eine Hommage an den Komponisten Halim El-Dabh und eine Spurensuche.


Leiyla and the Poet - Elektronische Oper nach arabischer Liebesgeschichte
(Deutschlandfunk Kultur, Klangkunst, 13.11.2020)

Laila besucht Madschnun in einem Palmenhain (San Diego Museum of Art Collection, Wikimedia Commons). (San Diego Museum of Art Collection, Wikimedia Commons)Halim El-Dabh experimentierte früh mit elektronischer Musik und drückte in ihr auch die berühmteste aller östlichen Liebesgeschichten aus. 1959 fand der Komponist eine zeitgenössische musikalische Sprache für einen alten Stoff: "Leiyla and the Poet".


Eine Frage der Stimmung - Arabische Musik auf europäischen Instrumenten
(Deutschlandfunk Kultur, Klangkunst, 20.11.2020)

Ein Klavier mit vielen bunten Post-Its. (Foto: Julia Tieke). (Foto: Julia Tieke)Die Vierteltöne der arabischen Musik sind mit vielen europäischen Instrumenten kaum zu spielen. Instrumentenbauer und Künstler versuchen sich deshalb an Umbaumaßnahmen und technischen Neuentwicklungen.


Mawjāt Martenot - Arabische Klänge und frühe elektronische Musik
(Deutschlandfunk Kultur, Klangkunst, 27.11.2020)

Ein Aufsatz, um arabische Intervalle zu spielen. (Foto: Julia Tieke). (Foto: Julia Tieke)Verspätete Premiere für eine radikale musikalische Idee: Schon 1932 schlug eine Musikwissenschaftlerin vor, das elektronische Instrument "Ondes Martenot" für das Spielen von arabischer Musik zu nutzen.