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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.05.2008

Debüt mit langem Vorlauf

Der amerikanische Schriftsteller Nathan Englander

Von Tobias Wenzel

Der amerikanische Schriftsteller Nathan Englander (AP)
Der amerikanische Schriftsteller Nathan Englander (AP)

Zehn Jahre hat der US-Autor Nathan Englander an seinem Debütroman "Das Ministerium für besondere Fälle" geschrieben. Vorher hatte er mit einem Erzählband den Durchbruch geschafft. Der Roman beschreibt die Zeit der Militärdiktatur in Argentinien, als das Regime Menschen einfach "verschwinden" ließ.

Nathan Englander, ein schlanker Mann mit schwarzen Locken, sitzt auf einer Mauer im Schweizer Solothurn. Der 38-jährige Schriftsteller blickt auf den Fluss Aare. Er trägt eine Sonnenbrille, obwohl er im Schatten eines Baumes sitzt. Seinem Gegenüber will er keinen Blick in seine Augen gewähren. Nicht aus Arroganz, sondern aus Angst, er würde so zu viel von sich preisgeben. Zugleich erzählt er sehr persönlich davon, wie er als Student zum ersten Mal nach Jerusalem kam.

"Dieser Moment hat mein Leben verändert. Ich bin jüdisch-orthodox erzogen worden. Ich hatte also dieses biblische Jerusalem im Kopf: Als Gott die Welt überflutete, verschonte er einen Berg mit Jerusalem auf dem Gipfel. Und dann wurde ich von dem wirklichen, dem modernen Jerusalem überwältigt. Innerhalb einer Woche brach ich mit der Religion. Dieses komplett neue Jerusalem führte dazu, dass ich mich selbst neu entdeckte."

Drei Städte haben in Englanders Leben eine große Rolle gespielt: Jerusalem, seine Geburtsstadt New York und Buenos Aires. Als Tourist, der sich nur für Bars und Steaks interessierte, kam er 1981 zum ersten Mal nach Buenos Aires. Dort stieß er auf jenen Stoff, den er später zu seinem ersten Roman verarbeitete, der jetzt auf Deutsch vorliegt: "Das Ministerium für besondere Fälle" - ein Buch über die Militärdiktatur im Argentinien der 70er Jahre, als 30.000 Menschen einfach verschwanden. Nathan Englander interessiert die Frage nach dem Wie des Erinnerns.

"Ich lebe ja jetzt in New York, wo nach dem 11. September alles ein Denkmal ist. Auch in Jerusalem: Da ist überall ein Schild angebracht, selbst an Bäumen und Bänken, um an den Menschen zu erinnern, der sie zu Ehren einer anderen Person gestiftet hat. In Argentinien ist das anders. Man sucht vergeblich Denkmäler für die Opfer der Militärdiktatur. Eine argentinische Freundin hat mir das erklärt: 'Es gibt keine Denkmäler, weil es noch nicht vorüber ist.' Die betroffenen Familien suchen immer noch nach Antworten. Sie können das alles nicht als Geschichte behandeln, weil es noch nicht Geschichte ist."

Der "Schmutzige Krieg", so nennen die Argentinier die Zeit der Diktatur. Menschen wurden einfach festgenommen und waren dann für die Angehörigen verschwunden.

"In einer würdevollen Gesellschaft sollte es oberstes Gebot sein, niemanden grundlos festzunehmen. Wenn eine Regierung dieses Gebot bricht, ist sie außer Kontrolle geraten. Während ich jahrelang meinen Roman schrieb, schufen die USA Gefängnisse in einem rechtlosen Raum. Das ist unglaublich! Selbst in Israel, wo Busse in die Luft gesprengt werden, darf man nicht einfach Menschen grundlos festnehmen. Man muss Risiken für die Menschenwürde und die Demokratie eingehen."

Auch Englander, geboren 1970 in New York, der Vater ein streng orthodoxer Jude, die Mutter liberaler, ging Risiken ein, um Schriftsteller zu werden. In den 90er Jahren arbeitete er als Fotograf und Filmemacher. Aber er gab alles auf, um zu schreiben. Mit einem Erzählband schaffte er den Durchbruch, erhielt einen Vorschuss in schwindelerregender Höhe und ließ sich zehn Jahre Zeit, um seinen ersten Roman zu schreiben. Er schrieb so langsam, wie sein Großvater schnell las:

"In meinem Elternhaus hatten alle Respekt vor dem Leser. Am Sabbat lasen wir alle. Mein Großvater war der schnellste Leser, dem ich je begegnet bin. Er verschlang drei Romane am Tag. Einmal las ich ein Buch von Thomas Wolfe. Und mein 80-jähriger Großvater sagte: ’Das Buch habe ich mit 16 Jahren gelesen, als es herauskam.’ Und ich sah auf das Datum der Erstausgabe und rechnete. Er hatte recht. Meinem Großvater verdanke ich den Respekt vor dem Leser."

Nathan Englander streicht sich mit der linken Hand über seine löchrige Jeans. Die Perfektion der Löcher verrät: Nicht die Zeit hat sie gemacht, sondern der Designer der Jeans. Ganz im Gegensatz zu den Löchern in jenen Dächern, unter denen Englander bisher gelebt hat. In jede seiner Wohnungen regnete es hinein.

(lacht) "Das ist vollkommen richtig! Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Aber es ist, als ob ich gar nicht genügend undichte Wohnungen mieten könnte. In meiner ersten Wohnung in Jerusalem lief das Wasser die Wände herunter. Die Lampe war eine Glühbirne, die an einem Draht hing. Meine Mitbewohnerin und ich warteten darauf, dass das Haus in die Luft flog. Und auch jetzt in meiner teuren New Yorker Wohnung kommt das Wasser durch das Dach. Aber es ist nicht so schlimm: Es tropft nicht mal richtig."

Angst macht ihm der Regen im Haus jedenfalls nicht mehr. Dafür ist bis zum Schluss des Interviews die Angst geblieben, die Sonnenbrille abzunehmen und seine Augen zu zeigen. Hat er vielleicht noch andere Ängste? Angst vor dem Tod zum Beispiel? Nathan Englander schmunzelt:

"Meistens habe ich davor Angst, Angst vor etwas zu haben. Ganz ehrlich: Bevor ich vor dem Tod Angst habe, habe ich Angst davor, Angst vor dem Tod zu haben."

Nathan Englander: Das Ministerium für besondere Fälle
Roman, Luchterhand Verlag 2008
445 Seiten, 19,95 Euro

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