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Buchkritik | Beitrag vom 11.06.2019

Deborah Levy: "Was das Leben kostet"Der Weg jenseits gesellschaftlicher Erwartungen

Von Sonja Hartl

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Cover von Deborah Levy "Was das Leben kostet", im Hintergrund ist ein 60er-Jahre-Wohnkomplex in London zu sehen (Hoffmann und Campe/picture alliance/Collage: DLF Kultur)
Nach ihrer Trennung zieht Deborah Levy in eine Wohnung in den sechsten Stock eines Wohnblocks in Nordlondon mit langen grauen Fluren. (Hoffmann und Campe/picture alliance/Collage: DLF Kultur)

Welche Herausforderungen ein selbstbestimmtes Leben als Frau mit sich bringt, dem spürt Deborah Levy in ihrer Autobiografie nach. Zusammen mit ihren Romanen ergibt sich ein bemerkenswertes Gesamtwerk, das vom Preis erzählt, den Frauen noch immer für ihre Unabhängigkeit zahlen müssen.

Was geschieht, wenn eine Frau ihren gesellschaftlich vorherbestimmten Weg verlässt? Dieser Frage widmet sich Deborah Levy in "Was das Leben kostet". 

Im selben Jahr, in dem die Schriftstellerin Deborah Levy sich von ihrem Ehemann trennt, stirbt auch ihre Mutter. Zwei traumatische Ereignisse, nach denen sie ein neues Leben finden muss. Sie zieht in eine Wohnung in den sechsten Stock eines Wohnblocks in Nordlondon mit langen grauen Fluren, und nimmt jeden Auftrag an, den sie bekommen kann.

"Wenn eine Frau sich auf die Suche nach einem Leben machen muss, wenn sie aus dem gesellschaftlichen Narrativ, das ihren Namen getilgt hat, aussteigt, erwartet die Welt brutalen Selbsthass, vernunftraubendes Leiden, Tränen der Reue von ihr." Doch Levy fühlt sich trotz aller Zweifel stark wie nie zuvor.

Austreten aus der Geschichte der Rollenbilder

"Was das Leben kostet" ist der zweite Teil eines Projekts, das Deborah Levy "living autobiography" nennt: eine Autobiografie, die nicht retrospektiv, sondern in der Zeit geschrieben ist, in der man lebt. In hinreißend beobachteten, oftmals sehr komischen Episoden aus ihrem Leben entwickelt Deborah Levy tiefe Wahrheiten über die Gesellschaft und die Rolle der Frau.

Die Schriftstellerin Deborah Levy, aufgenommen 2019 in Stockholm (picture alliance/TT NEWS AGENCY/Naina Helén Jåma)Die Schriftstellerin Deborah Levy fühlte sich nach der Trennung von ihrem Mann trotz aller Zweifel stark wie nie zuvor. (picture alliance/TT NEWS AGENCY/Naina Helén Jåma)

Im Kern steht dabei die Beobachtung, "dass Weiblichkeit, von Männern geschrieben und von Frauen inszeniert, das ausgelaugte Phantom war, das auch noch durch das frühe 21. Jahrhundert spukte. Was würde es kosten, aus der Rolle zu treten und die Geschichte zu beenden?". 

Dieser Frage geht die 1959 geborene britische Schriftstellerin mit literarischen Mitteln und mit Hilfe literarischer Werke auf den Grund: Emily Dickinson, Marguerite Duras, Audre Lorde, James Baldwin und vor allem Simone de Beauvoir sind konstante Begleiterinnen und Begleiter ihres Versuchs, ihre Rolle in ihrer Geschichte zu finden.

Preis für die Unabhängigkeit als Frau

"Ganz bestimmt wollte ich nicht die weibliche Hauptfigur aufschreiben, die immer für Sie vorgesehen war. Viel mehr interessierte mich eine ungeschriebene weibliche Hauptfigur." Diese Hauptfigur erschreibt Levy sich in diesem gewichtigen Buch, das mühelos für sich steht.

Im vielseitigen Zusammenspiel mit ihren für den Man Booker Prize nominierten Romanen "Heim schwimmen" und "Heiße Milch" sowie der ersten "living autobiography" - "Was ich nicht wissen will" - entfaltet sich zudem ein bemerkenswertes Gesamtwerk über die Herausforderungen eines selbstbestimmten Lebens und den Preis, den Frauen im 21. Jahrhundert weiterhin für ihre Unabhängigkeit zu zahlen haben.

Deborah Levy: "Was das Leben kostet"
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019
160 Seiten, 20 Euro

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