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Buchkritik | Beitrag vom 27.10.2020

Deborah Levy: "Der Mann, der alles sah"In vielen Zeiten verloren

Von Sonja Hartl

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Buchcover von Deborah Levy: "Der Mann, der alles sah", aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, Kampa Verlag, Zürich 2020 (Kampa Verlag, Deutschlandradio)
Ein dichtes, sehr fein gewobenes Netz aus Verbindungen durchzieht diesen Roman. (Kampa Verlag, Deutschlandradio)

Die berühmte Londoner Abbey Road bildet gleich zweifach den Ausgangspunkt von Deborah Levys neuem Roman: Ein Historiker versucht, sein Leben zu rekonstruieren. Aber Vergangenheit und Gegenwart scheinen untrennbar miteinander verknüpft zu sein.

Im September 1988 wird Saul Adler auf dem Zebrastreifen der Abbey Road in London angefahren. Der Außenspiegel des Fahrzeugs, das ihn angefahren hat, zersplittert, er hat nur einige Prellungen. Seine Freundin Jennifer Moreau fotografiert ihn. Tage später reist er in die DDR, verliebt sich und verrät jemanden.

Dann kommt nach der Hälfte von Deborah Levys "Der Mann, der alles sah" wieder ein erstes Kapitel. Im Juni 2016 wird Saul Adler beim Betreten des Zebrastreifens auf der Abbey Road angefahren. Ein Außenspiegel zersplittert, Saul Adler wird ins Krankenhaus gebracht und schwankt fortan zwischen Dämmer- und Wachzustand.

Koexistenz von Vergangenheit und Gegenwart

In ihrem Memoir "Was das Leben kostet" schreibt Deborah Levy, dass sie nach einer Möglichkeit suche, in der Literatur eine "Rückblende in die Gegenwart" zu bringen – eine Art Koexistenz von Vergangenheit und Gegenwart. In ihrem Roman "Der Mann, der alles sah" gelingt ihr das nun virtuos.

Saul Adler erzählt seine Lebensgeschichte, in der Vergangenheit und Gegenwart zusehends ineinander blenden. Seine verstorbene jüdische Mutter ist als Kind aus Nazi-Deutschland geflohen, sein englischer Vater ist überzeugter Kommunist, Saul forscht nun zu Osteuropa.

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Von Anfang an gibt es Irritationen in seiner Erzählung. Er weiß bereits 1988, dass es die DDR bald nicht geben wird, und erinnert sich an einen Vorfall in Cape Cod, der sich erst noch ereignen wird. Schon bald lässt sich kaum mehr zwischen Erinnerung und Gegenwart unterscheiden. Jedoch ist Saul mehr als ein unzuverlässiger Erzähler. In dem Moment, in dem er etwas erzählt, wird diese Begebenheit wahr für ihn.

Gespenster tauchen auf

Dieses Überblenden der Zeiten zeigt sich durch Variationen von Figuren, Bildern und Motiven. Ein Stasi-Spitzel 1988 trägt denselben Vornamen wie Sauls behandelnder deutscher Arzt 2016. Vieles zersplittert – das Glas, Sauls Erinnerung, aber auch die berühmteste Fotografie von Sauls Freundin Jennifer Moreau ist ein in ein Triptychon zersplittertes Nacktporträt von Saul.

Gespenster tauchen auf – als Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, aber auch Jennifer und Saul sind wie Gespenster füreinander und suchen sich immer wieder heim. Jennifers Karriere, bemerkt der narzisstische Saul, basiere darauf, dass sie ihn angesehen hat, während sie ihm verboten hat, sie zu beschreiben. Dies kehrt die traditionelle Vorstellung des männlich-künstlerischen Blicks auf eine weibliche Muse um und zeigt, wie neu hier Beziehungen gedacht werden.

Außerdem sind mit dem Blick verschiedene Formen der Macht verbunden: die Macht der Erniedrigung oder Bewunderung, aber auch die Macht der Kontrolle eines Staats, der seine Bürger ständig beobachtet.

Überaus kluger und beeindruckender Roman

Ein ungemein dichtes, sehr fein gewobenes Netz aus Verbindungen durchzieht Deborah Levys überaus klugen, beeindruckenden Roman. Saul Adler glaubt zwar, er sei der Mann, der alles sieht. Tatsächlich aber gibt es diese Eindeutigkeit nicht, Vergangenheit und Gegenwart wirken untrennbar ineinander.

Und wer glaubt, alles zu sehen, sieht letztlich so gut wie nichts.

Deborah Levy: "Der Mann, der alles sah"
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Kampa Verlag, Zürich 2020
288 Seiten. 23 Euro.

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