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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.12.2014

DebattenkulturAuf der Suche nach der guten Rede

Vielen deutschen Parlamentariern fehlt es an ausgefeilter Redetechnik

Von Stefan Maas

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Das Plenum des Bundestags bei der Debatte über die Pflegereform am 17.10.2014. (picture alliance / dpa / Bern von Jutrczenka)
Die Bundesvorsitzende der Linken, Katja Kipping, hat im Bundestag die erste Stufe der Pflegereform kritisiert. (picture alliance / dpa / Bern von Jutrczenka)

Auf den Zungen der Abgeordneten am Bundestagsrednerpult klebt die Amtssprache. Und sie verbreitet Langeweile und Gleichgültigkeit. Es amtsschimmelt vor sich hin. Nach pointierten oder gar deftiger Rede sucht man im Bundestag vergeblich.

"Jetzt hören Sie doch mal zu, Sie haben doch schon reden dürfen. Das war inhaltlich keine Leistung. Und wenn Sie mit Fakten konfrontiert werden, dann müssen Sie nicht gleich ausrasten. Das ist kein gutes Benehmen. Frau Präsidentin…"

Schlagabtausch im Bundestag. Attacke per Zwischenruf. Der Redner lässt sich reizen. Sein Konzept: dahin.

(Julia Klöckner:) "Zwischenrufe beleben das Geschäft“

Ein Geschäft, das Julia Klöckner gut kennt. Heute ist sie Oppositionsführerin im Landtag von Rheinland-Pfalz, davor hat sie viele Jahre für die CDU im Bundestag gesessen. Belebung ist dringend notwendig, findet Roger Willemsen. Über Monate hat er auf der Besuchertribüne des Bundestages gesessen und die Abgeordneten beobachtet. Ihnen zugehört. Über seine Erfahrungen geschrieben:

"Ich habe einer Rede nicht vorzuwerfen, dass sie langweilig ist. Denn über die Güllezulage kann man wahrscheinlich sehr interessant nicht reden."

Wo ist das Lebendige, das Empathische?

Erklärt der Autor. Aber Selbstlob, immer wiederkehrende rhetorische Figuren und eine dauernde Wiederholung derselben Standpunkte könne man den Abgeordneten schon vorhalten. Uninspirierte Demokratieverwaltung, sagt Willemsen, das ermüde auch den interessierten Zuschauer.

(Herbert Wehner:) "Wenn mich etwas von Herzen freut, dann, mein Herr in der Mitte, ist es ihre Zustimmung, denn das gibt die Möglichkeit, einmal zur sachlichen Klärung der Dinge zu kommen."

"Es gibt ein Ringen um die Position. Und das Lebendige, das Empathische, das erlebt man auch innerhalb einer Fraktionssitzung. Widerspruch intern. Das erlebt man in Ausschüssen, wo wirklich auch gerungen wird, selbst mit eigenen Kollegen. Da liegt was drin.“

Die Sitzung im Plenarsaal sei eigentlich nur der Vollzug, sagt Klöckner.

(Andreas Schulz:) "Ich würde aber meinen, Show gehört zum Parlamentarismus zwingend dazu."

Andreas Schulz ist der Generalsekretär der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien.

"Es kann gar nicht anders sein, weil ein Parlament für einen ja unsichtbaren Souverän antritt. Und die imaginären oder tatsächlichen Debatten in der Bevölkerung aufzunehmen hat. Und möglichst artikuliert und möglichst interessant dann auch öffentlich repräsentiert soll.“

Will man das wirklich: die Alten zurück?

Allerdings gibt der Historiker auch zu bedenken:

"In Zeiten, in denen keine großen gesellschaftlichen Konflikte stattfinden, finden eben auch keine zugespitzten Debatten statt.“

Ebolahilfe, Isis-Terror, Ukraine-Konflikt. Alles Fragen, in denen weitgehend Einigkeit herrscht. Ein gesellschaftlich ruhiges Jahrzehnt, urteilt Schulz. Da habe es in den 70ern und 80ern wesentlich mehr Konfliktpotential gegeben.

(Wehner:) "Reden Sie doch keinen Stuss, Sie weiser Herr. Sie!“

(Strauß:) "Herr Wehner, Sie haben auch in dieser Frage ihren Sachverstand an der Garderobe abgegeben. Es wäre ganz gut, wenn Sie mich nicht stören würden.“

Eines jedenfalls wünschen sich weder Julia Klöckner noch Roger Willemsen zurück, um den Debatten mehr Feuer zu geben: die Rhetorik früherer Jahrzehnte. Wehner, Schmidt, Strauß - die erfreuen zwar viele Zuschauer und Hörer der Bundestags-Debatten-Best-ofs:

(Klöckner:)"Aber die Namen von damals, die immer wieder erwähnt werden als die größten Redner aller Zeiten. Wenn sich heute jemand so benehmen würde und so rumholzen würde, da wären ja die Zwischenrufe stärker als die Redebeiträge. Man muss ein bisschen aufpassen wie man das beurteilt heute. Und außerdem … waren es nur Männer damals.“

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