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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.02.2017

Debattenbuch "95 Anschläge"Neue Thesen braucht das Land

Hauke Hückstädt und Svenja Flaßpöhler im Gespräch mit Joachim Scholl

Hauke Hückstädt vor dem Literaturhaus in Frankfurt am Main am Rande einer Lesung. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses in Frankfurt am Main, hat Grund zur Freude: Die erste Auflage des Buches war nach wenigen Tagen vergriffen. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

95 "Anschläge" wie einst von Martin Luther: Wenn Sie mit einer einzigen These die Zukunft Ihrer Kinder retten könnten, was wäre das? Diese Frage stellte Hauke Hückstädt, Chef des Frankfurter Literaturhauses, 95 Autoren. Ihre Antworten drehen sich um Schuld, Rassismus oder Diktatoren.

Nein, die Welt verändern wie Martin Luther mit seinen Thesen vor 500 Jahren − diesen Anspruch haben die Autoren des Buches "95 Anschläge. Thesen für die Zukunft" nicht. Doch sie wollen Debatten anschieben, wie Herausgeber Hauke Hückstädt erklärt. Das Luther-Gedenkjahr 2017 gebe schließlich auch einen Anstoß dafür, "dass wir uns auch einzumischen haben". Svenja Flaßpöhler hat sofort der "antiakademische Gestus" zugesagt: "Wir wollen Widerspruch hervorrufen, wir wollen Thesen so weit zuspitzen, dass man sie diskutieren kann."

Ihre eigene lautet: "Nicht in der Logik der Schuldbegleichung − im Verzicht auf Vergeltung liegt die Zukunft." Die Philosophin stellt dabei das "innerste Funktionsprinzip unserer Gesellschaft" infrage: "Wer Schuld hat, muss zahlen." Das gelte in der Moral genauso wie im Recht und bei den Finanzen. So gebe es in Griechenland einen riesigen Schuldenhaufen, der nun abgetragen werden müsse:  

Svenja Flaßpöhler (Svenja Flaßpöhler)Die Philosophin Svenja Flaßpöhler ist Redaktionsleiterin Literatur und Geisteswissenschaften bei Deutschlandradio Kultur. (Svenja Flaßpöhler)

Verzicht auf Vergeltung macht frei

"Meine These ist, dass uns diese Schuldfixierung gleichzeitig auch an die Vergangenheit kettet. Und der Verzicht auf Vergeltung, der öffnet uns (…) für die Zukunft und der entbindet den Schuldner von seiner Schuld, aber der entbindet letztlich auch (…) das Opfer von dieser Last, was ihm da vermeintlich angetan wurde. Es macht uns frei."

Zu den Lieblingsthesen von Herausgeber Hückstädt zählen: "Schluss mit dem Selbstbetrug, Deutschland ist ein rassistisches Land!" von Rasha Kayat, "Bleibt nur der Körper" von Arno Geiger und "Die Diktatoren kommen wieder" von Peter von Matt. Die Stärke dieses Buches sieht er in dessen Konzentration: "Die Kausalketten marschieren getrennt, aber schlagen hier 95-fach vereint." 

Hauke Hückstädt, Friederike von Bünau (Hg.): "95 Anschläge - Thesen für die Zukunft", Verlag S. Fischer, 286 Seiten, 20 Euro 

   

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