Freitag, 22.03.2019
 

Tonart | Beitrag vom 10.07.2017

Debatte unter senegalesischen MusikernRappen für den afrikanischen Traum

Von Jutta Petermann

Thiat (Heinrich-Böll-Stiftung/Andi Weiland)
In der Demokratiebewegung Senegals aktiv: der Rapper Thiat (Heinrich-Böll-Stiftung/Andi Weiland)

Bleiben oder gehen - das Thema Flucht spaltet die senegalesische Rapper-Szene. Die einen singen vom afrikanischen Traum und fordern die Menschen auf, in ihrer Heimat zu bleiben. Andere entgegnen: Diese Hoffnung sei naiv.

"Die Leute reden vom amerikanischen Traum, vom europäischen, ich glaube auch an den afrikanischen Traum, weil ich hier den Himmel gesehen habe. Auch wenn die Leute sagen, es gäbe keine Jobs - es gibt welche, nur dass sie keiner machen will, weil es schlechte Jobs sind. Aber wie soll man je reich werden, wenn man nicht mit einem schlecht bezahlten anfängt. Ich finde, man muss ein Stück nach dem anderen sammeln, um irgendwann eine Hand voll Geld zu haben, aber die Leute haben keine Geduld."

Faada Freddy ist Gründungsmitglied des senegalesischen Rap-Trios Daara J, im Song "Here" seiner Landsmännin Awa Ly rappt er in der Landessprache Wolof, vom Risiko im Mittelmeer zu ertrinken. Bleibt zu Hause ist seine Botschaft. Der 42-Jährige ist ein erklärter Gegner der sogenannten "wilden" Migration. Er, der abwechselnd in Dakar und Paris lebt, ist dagegen, dass Afrikaner versuchen, ohne Visum nach Europa zu gelangen. Noch drastischer malt Rapper Matador, bürgerlich heißt er Babacar Niang, in seinem Song "Tukki" das Leben von Flüchtlingen in Europa aus. Es sei hart und trist, Flüchtlinge seien die Außenseiter, die von den Abfällen der Europäer leben. Das, was die Leute in Europa erwarte, sei es nicht wert, in ein unsicheres Schlauchboot zu steigen und ihr Leben zu riskieren, ist Matador überzeugt - und auch Faada Freddy.

Singen vom afrikanischen Traum

"Die wilde, unkontrollierte Migration muss bekämpft werden, weil sie der afrikanischen Jugend nicht hilft, zu überleben. Damals als Columbus Amerika entdeckte, wollten die Europäer von dort etwas nach Hause mitbringen. Manchmal ist Exodus notwendig. Aber ihre Schiffe waren sicher und sanken nicht einfach so."

Auch Rapper Nix aus Dakar propagiert den afrikanischen Traum im Song Reve africaine. Doch afrikanische Jugendliche träumen von einer besseren Zukunft in Europa - hunderte Senegalesen kommen pro Woche an Italiens Küste an - 60.000 Menschen von ihnen sollen es in den letzten zehn Jahren aber nicht bis dorthin geschafft haben.

Obwohl sich Nix, Matador und Faada Freddy um das Leben ihrer Landsleute sorgen, gibt es eine Rapper-Fraktion im Senegal, die sie borniert nennt, wenn sie von der Jugend erwarten, sie sollten in Afrika bleiben. Schließlich könnten sie als Künstler ja jederzeit in ein Flugzeug steigen. Die Debatte unter den Rappern gärt seit Jahren und seit Jahren ist der Tod im Mittelmeer traurige Tatsache und öffentliches Tabu im Senegal, bestätigt Fatou Diatta, eine der wenigen Rapperinnen im Senegal, besser bekannt als Sister Fa.

Flucht ist kein Thema in der Politik

"Im Senegal ist das ein sehr wichtiges Thema, weil es gibt in verschiedenen Fischerdörfern viele junge Leute sind gestorben. Im Fernsehen und Radio ist das kein Thema, weil es ist peinlich für unsere Regierung, dass sie sind nicht kapabel, die junge Leute zu Hause zu haben, einen Job zu geben, aber die Rapper reden darüber, die bringen das draußen. Mit den schweren und hässlichen Themen, das ist immer mit den Rappern, deswegen viele Leute in Senegal hassen die Rapper."

Doch die machen weiter. Speerspitze der gesellschaftskritischen Rapper Senegals ist Didier Awadi.

Der 47-jährige führt im Song "Sunugaal" alle Gründe auf, wegen derer junge Leute ihr Land Richtung Europa verlassen: Arbeitslosigkeit, Misswirtschaft und Kriminalität der Regierenden. Awadi nennt alle, die den jungen Leuten den afrikanischen Traum predigen, naiv. Er versteht, warum die afrikanische Jugend ihr Leben riskiert. Er wolle auch nicht, dass die Menschen in die Boote steigen, sagt Awadi, aber es gäbe keine Alternative zur "wilden" Migration. Europa schotte sich ab. Zudem zerstöre die Europäische Union mit ihrer rücksichtslosen Wirtschaftspolitik die Lebensgrundlage vieler Senegalesen, argumentiert auch Sister Fa, ein Grund warum ehemalige Fischer heute als Schlepper ihr Geld verdienen.   

Aus Not werden Fischer zu Schleppern

"Im Meer, die Fische, die EU hat große Boote, sie haben das ganze Ökosystem in Senegal und Mauretanien kaputt gemacht, deswegen viele Fischer sind jetzt traverser, diese Leute, die diesen human traffic machen, weil sie kennen ganz genau das Meer. Die Europäische Union und China auch schicken uns große Boote, sie haben das ganze Ökosystem kaputt gemacht."

Sister Fa lebt in einer ambivalenten Situation, seit über zehn Jahren ist Berlin ihre Wahl-Heimat. Dennoch entwickelt die 35-jährige, die Projekt Management in Brüssel studiert hat, in ihrer Heimatregion Casamance, im Süden Senegals gerade ein Hilfsprojekt für aus Europa abgeschobene Senegalesen.

"Viele Leute sagen mir, aber dann komm zurück und bleib hier mit uns, dann kannst Du sehen, wie schwer das ist und ich kann das auch verstehen, weil wenn ich komme zurück, ich kann sehen, wo ich war und wo ich bin jetzt. Das ist eine Realität, niemand kann das wirklich ignorieren. Faada Freddy, wenn jeder junge Senegalese, der guter Musiker ist, wenn jeder hat die Möglichkeit in Frankreich oder Deutschland ein Konzert zu machen und zurück nach Hause, jeder würde gerne zu Hause bleiben, aber wenn etwas Tabu ist, wenn etwas schwer ist, dann kämpfen die Leute das zu haben."

Abgelehnt und abgeschoben

Viele schaffen es nicht, sich in Europa ein menschenwürdiges Leben aufzubauen. Sie werden als Asylbewerber abgelehnt und abgeschoben. Sister Fa plant in Casamance den Bau eines Musikstudios, ein Landwirtschaftsprojekt und den Aufbau von Schulkantinen. Mehr als nur eine psychologische Brücke für die unfreiwilligen Heimkehrer, auf die von den Daheimgeblieben herabgeschaut wird. Sie hofft dafür auf EU-Gelder oder Geld aus Deutschland.

Auf finanzielle Unterstützung hätten die Afrikaner ein Recht, meint ihr Rapper-Kollege Didier Awadi, wegen des Leids, das die Kolonialisierung über den Kontinent gebracht habe, die Sklaverei und auch die heutige Ausbeutung dank unfairer Handelsabkommen. All das bedinge die Misere in vielen afrikanischen Ländern, der die Jugend entfliehen will. Die westlichen Unternehmen, die die afrikanischen Bodenschätze heben, müssten endlich in Afrika Steuern zahlen, fordert Rapper Thiat, der sich stark in der Demokratiebewegung Senegals engagiert, damit wie Didier Awadi hier rappt, endlich eine andere Welt möglich wird.

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