Seit 02:00 Uhr Nachrichten

Donnerstag, 27.06.2019
 
Seit 02:00 Uhr Nachrichten

Kommentar / Archiv | Beitrag vom 19.10.2018

Debatte um Verkauf von KunstgüternDie koloniale Amnesie ist nach wie vor stark

Von Jürgen Zimmerer

Podcast abonnieren
Ein Schrumpfkopf der Jívaro (Ecuador) ist in einer Ausstellung zu sehen. (imago / Becker&Bredel)
Die Versteigerung von Schrumpfköpfen sieht Jürgen Zimmerer, Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg, kritisch. (imago / Becker&Bredel)

Das Auktionshaus Lempertz versteigert Ende Oktober einen menschlichen Schrumpfschädel. Für Historiker Jürgen Zimmerer ist der Verkauf kolonialer Kunstgegenstände moralisch bedenklich. Das Bewusstsein für die Kolonialverbrechen sieht er noch immer schwach ausgeprägt.

Darf man Menschen ausstellen? Darf man Menschen verkaufen? Natürlich nicht! Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, oder? Aber was ist mit sterblichen Überresten? Die meisten von uns würden wohl entsetzt zurückschrecken, wenn jemand vorschlagen würde, ihre Ur-Oma zu kaufen, um sie zu sammeln.

Genau das passiert aber mit menschlichen Überresten etwa aus kolonialen Kontexten. Zwar hat sich in den Museen weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass Menschen nicht ausgestellt werden, vom Handel damit ganz zu schweigen, doch den privaten Kunsthandel kümmert das nicht.

Sammler von Köpfen haben einen Knall

Nächste Woche, am 24. Oktober, steht wieder eine Auktion von sogenannter "Tribal Art" an, einschließlich Schrumpfköpfen - durch das deutsche Traditionshaus Lempertz. Das sei zwar nicht sein Geschmack, sagte dessen Geschäftsführer Henrik Hanstein am gestrigen Donnerstag der "Süddeutschen Zeitung" - und Sammler von Köpfen hätten einen Knall. Aber Konsequenzen daraus zieht er keine. Alle Einwände wischt er vom Tisch.

Leute, die für einen sensiblen Umgang mit kolonialen Objekten - nicht nur mit Human Remains - plädieren und Lösungen dafür suchen, dass vieles davon geraubt ist, nennt er "durchgeknallte links-grüne Weltverbesserer". Lieber das als ein zynischer Kolonialapologet.

Koloniale Amnesie

Von Rückgaben nach Afrika hält er nichts. Das würde "sofort vertitscht" sagt er. Die Korruption in Afrika sei nämlich unvorstellbar. Eine Aussage hart an der Grenze zum Rassismus. Ein Museum sollte die EU in Afrika bauen, um dort Kunst ausstellen, damit auch Afrikaner sie sehen können. Eine koloniale Idee. Warum eigentlich haben die Europäer keine Museen gebaut, als sie dort herrschten? Da haben sie lieber Menschen als Sklaven geholt und Kunstwerke geraubt. Und jetzt wollen sie nichts davon wissen.

Die koloniale Amnesie ist stark wie eh und je. Werden demnächst auch Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut, wie sie in den Konzentrationslagern des Holocausts gemacht wurden, in den Handel kommen? Vielleicht sind sie es ja schon. Sieht so die vielbeschworene europäische Zivilisation aus? Mit unserer Oma würden wir das nicht machen, hoffentlich.

Kommentar

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton

Türkische AußenpolitikErdoğans russische Freunde
Putin und Erdogan stehen in einem pompös eingerichteten Raum hinter einem Tisch und zwischen zwei mit Gold verzierten Stühlen und schütteln sich die Hände. (Iamgo / ITAR-TASS / Ramil Sitdikov)

Die USA werfen der Türkei Waffenhandel mit Russland vor. Für Erdoğan ein strategisch wertvoller Streit, meint der Jurist und Grünen-Politiker Memet Kilic: Denn der türkische Präsident sei auf neue Verbündete angewiesen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur