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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.04.2019

Debatte um ImpfpflichtWie sich die Impfraten erhöhen lassen

Von Volkart Wildermuth

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Ein gelber Impfpass mit Spritze: Bei "Masern" steht ein Kreuz. (imago/Arnulf Hettrich)
Impfen würde schützen. Da sich immer mehr Eltern gegen eine Impfung ihrer Kinder entscheiden, steigt die Zahl der Masernerkrankungen wieder an. (imago/Arnulf Hettrich)

Impfgegner sind eine kleine Minderheit und an ihren Argumenten ist nichts dran. Dennoch: Viele Eltern sind verunsichert, ob sie ihre Kinder impfen sollen. Ein Impfzwang wäre der falsche Weg, meinen Psychologen und Kommunikationswissenschaftler.

"Impfen finde ich auf jeden Fall wichtig. So sind wir aufgewachsen, so haben wir es gelernt." Hier im Prenzlauer Berg sehen das allerdings nicht alle Eltern so. Beim Thema Impfungen gibt es eine klare Mehrheitsmeinung: "Es gibt ganz viele in unserem Bekanntenkreis, die nicht impfen, da haben wir aber kein Verständnis für."

Für die große Mehrheit der Deutschen gehört Impfen zur guten Versorgung ihrer Kinder dazu. Und so sind zum Schuleintritt über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler geimpft, wie die Zahlen des Berliner Robert Koch Institutes zeigen. Echte Impfgegner hingegen sind mit drei bis fünf Prozent eine Minderheit.

Masernerkrankungen nehmen zu

Impfen löse ADHS aus oder habe andere Unverträglichkeiten - mit Ängsten wie diesen befeuern Impfgegner die Diskussion. Mittlerweile liegt die Impfraten in manchen Bevölkerungsgruppen und Regionen so niedrig, dass selten gewordene Kinderkrankheiten wieder ausbrechen: 2015 erkranken in Berlin und 2017 im Ruhrgebiet gleich mehrere hundert Menschen an Masern. Zwei von ihnen starben. Und dass obwohl Gesundheitsbehörden immer wieder betonen, wie wirksam und sicher Impfungen sind.

Gerade das ist ein Problem, sagt Cornelia Betsch, Psychologieprofessorin an der Universität Erfurt. Gerade weil Impfungen so erfolgreich sind, gibt es kaum noch Erfahrungen mit solchen Krankheiten wie Masern oder Keuchhusten.

"Das ist die Risikowahrnehmung, denke ich denn, dass es überhaupt wichtig ist, mich gegen diese Krankheit zu schützen, kenne ich die überhaupt, nehme ich das Risiko wahr?

Seriöse Informationen gehen unter

Ob geimpft wird oder nicht hängt oft auch von praktischen Fragen ab: Bekomme ich schnell einen Termin, ist der Impfpass zur Hand, muss ich weit fahren? Viele Eltern haben oft Angst vor Nebenwirkungen. Und wer erst einmal verunsichert ist, sucht dann nach Informationen.

"Das kennt jeder von sich selbst", sagt Cornelia Betsch: "Am Ende habe ich so viel für und gegen gefunden. Ich weiß nicht, wem ich vertrauen soll, sodass ich mich am Ende vielleicht gar nicht mehr entscheiden kann. Weil ich überhaupt nicht weiß, in welche Richtung ich gehen soll."

Viele psychologische Experimente belegen: Bei einem Überangebot an Argumenten neigen Menschen unbewusst dazu, sich auf Informationen zu stützen, die die eigenen Vorurteile bestätigen.

Dazu kommt außerdem: Seriöse Informationen sind schwer zu finden. Das beklagt auch Cornelia Betsch. So kennen nur vier Prozent der Ärzte die Website impfen-info.de von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Der öffentliche Diskurs ist verzerrt

Und auch die etablierten Medien zeichnen ein verzerrtes Bild der Debatte, schimpft die Psychologin, wenn sie - um Ausgewogenheit bemüht -, immer einen Pro- und einen Contra-Vertreter zu Wort kommen lassen.

"Das ist der Albtraum", meint Cornelia Betsch. "Das befördert eine falsche Balance und suggeriert, dass die Hälfte dafür und die Hälfte dagegen ist. Das entspricht überhaupt nicht der tatsächlichen Verteilung der Meinungen. Wenn man sich mal die Wissenschaftler anschaut, sieht man dass die allermeisten für Impfen sind. Wenn man sich die Eltern und Importquoten anschaut, dann sieht man, dass 95 Prozent der Leute sich einfach impfen lassen."

Schaut man auf den öffentlichen Diskurs fühlt sich das anders an. Und das liegt auch an der Öffentlichkeitsarbeit der Impfgegner: Genau wie Klimaleugner zitieren sie etwa Professoren, deren Qualifikation gar nicht auf dem Gebiet des Impfens liegt, propagieren Verschwörungstheorien oder verlangen eine hundertprozentige Sicherheit, die aber gibt es in der Medizin nicht. Auf keinem Gebiet.

"Es gibt bestimmte Techniken, die immer wieder genutzt werden", erklärt Cornelia Betsch. "Und wenn wir den Zuhörer darüber aufklären, finden wir, dass der Impfgegner in diesem Falle nicht mehr so ein starkes Gewicht hat und wir den Zuhörer dadurch ein bisschen schützen können."

Es mangelt an Vertrauen in Institutionen

"Fake News" also gar nicht erst widerlegen wollen, empfiehlt Cornelia Betsch, sondern lieber auf rhetorische Tricks hinweisen. Das ist aber nur die Basis, meint die Politikwissenschaftlerin Katharina Paul, die an der Universität Wien die Impfstrategien der verschiedenen europäischen Länder vergleicht:

"Es geht nicht darum, dass die Leute nicht wissen oder ein Wissensdefizit haben, wenn sie einer Impfung gegenüberstehen, sondern vielmehr darum, dass es oft an Vertrauen mangelt. Und zwar an Vertrauen in Institutionen und Behörden. Aber natürlich auch in die pharmazeutische Industrie. Ich denke, dass da die Hauptarbeit geleistet werden muss."

Impfpflicht könnte kontraproduktiv wirken

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Verbände der Kinder- und Jugendärzte plädieren jetzt dafür, nur geimpfte Kinder in Kindergärten und Schulen aufzunehmen. Derzeit ist so eine Maßnahme aber nur während eines Infektionsausbruchs möglich, erst dann dürfen Schulen un-geimpfte Kinder vom Unterricht auszuschließen.

Auch eine Impfpflicht - wie sie in den USA und in vielen anderen europäischen Ländern längst selbstverständlich ist - wird diskutiert. Dabei ist Zwang - nach den Auswertungen von Katharina Paul nicht effektiv:

"Man weiß auch aus der Psychologie, dass man mit so einer Impfpflicht womöglich ein gewisses Mittelfeld der Gesellschaft verliert,, das Impfungen eigentlich ganz positiv, neutral oder indifferent gegenübersteht, aber einem staatlichen Mandat eher kritisch gegenüberstehen würde. Wenn man die in der Beteiligung an einem Impfprogramm verliert, dann hat man ein großes gesundheitspolitisches Problem. Ich denke, dieses Risiko ist sehr groß."

In Australien zum Beispiel unterrichten Impfgegner ihre Kinder zuhause, um die Impfpflicht zu umgehen und in Italien wurde der Widerstand so groß, dass die Regierung die Impfflicht praktisch aussetzte.

Wenn ein Krankheitsausbruch droht, sind alle fürs Impfen

In Erfurt hat Cornelia Betsch die Auswirkungen einer Impfpflicht mit einer Art Computerspiel getestet: "Wir lassen die Leute wählen zwischen einer Umgebung, in der es Impfpflicht gibt und einer, in der es keine gibt. Zum Beispiel ein Kindergarten."

Die Teilnehmer spielen mehrere Runden mit und erleben so auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen, etwa einen Anstieg der virtuellen Masernfälle: "Prinzipiell kann man sagen dass sie in diesem experimentellen Setting die freie Entscheidung vorziehen. Aber wenn die Impfquote zu niedrig ist, das Infektionsrisiko hoch ist, dann gibt es auch eine Präferenz für die Impfpflicht."

Wenn also tatsächlich ein Ausbruch droht, sind alle fürs Impfen. Katharina Paul setzt daher auf eine bewährte Alternative zum Zwang:

"Ich denke, dass die in den skandinavischen Ländern, in den nordischen Ländern und in der Niederlanden sowie im Vereinigten Königreich ganz gut erleichtert wird, indem man erstens Eltern gezielt anschreibt und zweitens manchmal nicht ganz so viel Freiraum lässt, sondern die Eltern einlädt, in ein mittelgroßes bis großes Gesundheitszentrum zu kommen und dort das Kind impfen zu lassen."

Die meisten Eltern sind für Impfungen

Eltern aktiv an anstehende Impfungen erinnern und die Impfung dann gleichzeitig einfach auch anbieten, das hilft und könnte auch eine Strategie für Deutschland sein. Denn im Grunde wollen hierzulande die allermeisten Eltern ihre Kinder durch Impfungen schützen, so auch diese Passantin aus Berlin-Prenzlauer Berg:

"Ich bin für Impfungen. Es macht mir Sorgen, wenn Eltern das nicht machen, ihre Kinder impfen. Mein älterer Sohn zum Beispiel ist hier in Berlin geboren, als es Masern gab und das hat mir Angst gemacht. Und deswegen sind meine zwei Jungs geimpft."

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