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Kompressor | Beitrag vom 22.11.2019

Debatte um Don AlphonsoWenn Hass aus dem Netz das Leben bedroht

Moderation: Shanli Anwar

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Der Hashtag #HASS auf dem Bildschirm eines Computers. (picture alliance/dpa/Lukas Schulze)
Gibt es ein "System Don Alphonso"? Der "Welt"-Chef Ulf Poschardt bestreitet das. (picture alliance/dpa/Lukas Schulze)

Er twittert Namen von Andersdenkenden, dann übernehmen seine rechtsextremen Follower und bedrohen diese Menschen: Der Blogger und "Welt"-Kolumnist Don Alphonso steht für diese Methode in der Kritik. Warum duldet sein Arbeitgeber das?

Welche Auswirkungen der Hass aus dem Internet für das analoge Leben hat und wie dem zu begegnen sein kann, ist spätestens seit der Ermordung Walter Lübckes oder dem Terroranschlag auf die Hallenser Synagoge eine dringliche Frage. Die "Spiegel"-Kolumnistin Margarete Stokowski hat darauf unlängst in ihrer Dankesrede für den Tucholsky-Preis hingewiesen.

Auf Twitter haben sich in den letzten Wochen häufiger Leute zu Wort gemeldet, die das "System Don Alphonso" sichtbar machen wollen – die Strategien eines langjährigen Bloggers und "Welt"-Kolumnisten, zu dessen Followern Identitäre und andere Rechtsextremisten gehören.

Kolumnist Stephan Anpalagan erklärt die Methode von Don Alphonso, der mit bürgerlichen Namen Rainer Meyer heißt, so: Er lenke das Interesse seiner Anhänger auf Leute mit nicht selten kleiner Followerzahl, die seine politische Meinung nicht teilen: Frauen, Nicht-Weiße, Antifaschistinnen und Antifaschisten. Es folgen nicht nur ein digitaler Shitstorm, sondern auch Morddrohungen und andere Aktionen, die das Leben der Betroffenen im Alltag bisweilen erheblich beeinträchtigen.

Poschardt: "Kampfauftrag nationalmoralistischer Eliten"

Im Gespräch mit Kompressor-Moderatorin Shanli Anwar äußerte sich auch der Chefredakteur der "Welt", Ulf Poschardt, zu Don Alphonso. Poschardt hatte erst vor kurzem Twitter verlassen - unter dem Hinweis auf die hasserfüllte und wenig zielführende Debattenkultur auf dieser Plattform. Doch nach wenigen Tagen meldete er sich mit diesem Tweet zurück:

Gefragt, ob dieser Tweet als Kommentar zu Don Alphonso gemeint sei und was er gegen Anstand habe, sagte Poschardt: "Diese Formulierung ist schon Ausdruck dessen, dass es vielleicht gar nicht so anständig ist, wenn Tausende über einen herfallen und versuchen, ihn mundtot zu machen." Eigentlich habe er nicht zu Twitter zurückkehren wollen. "Aber nachdem ich gesehen habe, dass die nationalmoralistischen Eliten es zu ihrem Kampfauftrag gemacht haben, Don Alphonso zu erledigen, und keiner ihm zur Seite gesprungen ist, habe ich gedacht, mache ich das mal."

Poschardt sagte, es gebe kein "System Don Alphonso". Stattdessen gebe es eine neue Unkultur im Netz, die rechts wie links absolut identisch sei. "Ich finde diese Kultur, die wir da auf Twitter entwickelt haben, unselig und wünsche mir, dass es bald anders wird."

Drohungen bis hin zu Morddrohungen habe man auch bei der "Welt" schon mehrfach erlebt - das "erlebt Don Alphonso zum Beispiel gerade auch so". Auch bei Deniz Yücel habe Poschardt Ähnliches erlebt: "Da war es die AKP und die AfD, Alice Weidel, Herr Meuthen und Frau von Storch. Und jetzt sind es eben Mario Sixtus, Frau Stokowski und andere, die auf der anderen Seite des politischen Spektrums jemanden öffentlich vor sich hertreiben. Ich finde, in einer liberalen, modernen Demokratie muss es eigentlich möglich sein, Positionen zu akzeptieren, die nicht die eigenen sind."

"Wir werden mit Don Alphonso weiter zusammenarbeiten"

Er sei sehr gerne Arbeitgeber von Don Alphonso und er freue sich sehr, dass man ihn habe. "Wir werden mit Don Alphonso weiter zusammenarbeiten. Wie das genau auf Twitter aussieht, ist seine Sache - er ist ein freier Autor." Was in den vergangenen zwei Wochen mit dem Kolumnisten passiert sei, finde er merkwürdig und mache ihn ratlos. Natürlich habe man rote Linien, aber die bestünden nicht darin, dass man sich von Autoren trenne, wenn ein linker Mob das nahelege.

"Wenn der Hass aus dem Netz das Leben bedroht" ist der Titel eines Kompressor-Spezials, in dem außer Anpalagan und Poschardt die Autorin Jasmina Kuhnke zu Wort kommt, die das "System Don Alphonso" selbst erfahren hat.

(jfr/mak)

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