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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.01.2021

Debatte um DiskurskulturIn der Klimakrise bleibt kein Platz für Ironie

Alice Hasters im Gespräch mit Nicole Dittmer

Junge Menschen protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die Erderwärmung, auf einem Schild steht "Wake up / Wacht auf". (Unsplash / Nico Roicke)
Zu ernst? Für manchen Feuilletonisten könnte die Klimabewegung mehr Ironie gebrauchen. (Unsplash / Nico Roicke)

Nun ist sie da: die Generation Woke. Jene jungen Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die drängenden Fragen der Zeit gelöst werden. Doch wer ihnen vorwerfe, ironiefrei zu diskutieren, vergesse die Umstände, findet die Journalistin Alice Hasters.

"Woke" – heißt wörtlich übersetzt so viel wie "wach" oder "erwacht" – und ist seit den 2010er-Jahren in die Alltagssprache gelangt. Damit werden Menschen beschrieben, die sich dessen bewusst sind, dass es Ungerechtigkeiten oder Formen von Ungleichheit wie Rassismus oder Sexismus gibt.

Unerbittlich und streng

"Stay woke" – bleib wach, findet sich als Aufforderung beispielsweise auf Twitter. In einem Artikel für die Wochenzeitung "Die Zeit" hat der Journalist und Buchautor Ijoma Mangold das Wort aufgegriffen – und fasst darunter gleich eine ganze Generation zusammen. Diese sei unerbittlich und streng, zudem sei die Art, wie diskutiert werde, dogmatisch und ironiefrei.

Gemeint sind damit jene, die sich beispielsweise in der Friday-for-Future-Bewegung engagieren oder antirassistische Positionen vertreten.

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Bereits vor dem Beitrag Mangolds wurde darüber debattiert, wie gegenwärtig über Rassismus, gendergerechte Sprache oder Klimaschutz diskutiert wird. Auch jüngst führten zwei Beiträge im "Tagesspiegel" zu Kritik Schwarzer Frauen, aber auch zum Vorwurf, die Debatte werde unerbittlich geführt.

Die Journalistin Alice Hasters findet es dagegen schwierig, der Argumentation Ijoma Mangolds zu folgen. Es handele sich nicht unbedingt um einen Trend einer Generation. Vielmehr seien es die Umstände, in welchen sich die Generation befinde, so die 31-Jährige, die 2019 das Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" veröffentlicht hat.

Nicht lustig und entspannt

Junge Menschen blickten in eine Zukunft, "die nicht rosig aussieht", man wisse nicht, wie es weitergehen soll, unterstreicht Hasters. Ein Beispiel sei die Klimakrise. "Natürlich ist da nicht mehr so viel Platz für Ironie und natürlich ist da der Wunsch, dass schneller gehandelt wird." Deswegen sei es falsch, "die Generation dafür zu verhaften, dass es nicht mehr so lustig und entspannt ist".

Es sei eine Zumutung, jungen Menschen zu sagen, sie sollen mal "Platz für Ironie machen", sagt Hasters. Denn es gebe keine sachlichen Argumente dafür, die Lage nicht ernst zu nehmen. Außerdem würde Mangold einen Fehler machen, indem er eine inhaltliche mit einer allgemeinen Diskurskultur vermenge. Denn was er beschreibe, sei eher eine größere Politisierung der Diskurse zu sozialer Ungerechtigkeit, findet Hasters.

Harsch und beleidigend sind nicht die Jungen

Zwar sehe auch sie ein Problem der Debattenkultur in sozialen Netzwerken, doch liege der scharfe Ton zum einen am Gegenstand, über den diskutiert werde, zum anderen an den erhobenen Forderungen. Falsch sei indes der Befund, dass Debatten im Internet nicht auch konstruktiv seien. Das könne sie aus eigenen Erfahrungen bestätigen.

Es lohne sich immer, über Diskurskultur zu reden, ist Alice Hasters überzeugt. Doch seien beispielsweise Hasskommentare nicht der Generation Woke vorzuwerfen. Aus ihrer Arbeit als Social-Media-Redakteurin wisse sie, dass es nicht unbedingt junge Menschen seien, die harsche und beleidigende Kommentare machten.

(rzr)

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