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Studio 9 | Beitrag vom 23.01.2021

Debatte über BegriffFünf Gründe gegen das Wort "Migrationshintergrund"

Von Azadê Peşmen

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Einbürgerungsfeier mit Neubürgerinnen und Neubürgern im Berliner Abgeordnetenhaus am 25.11.2016 (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)
Einbürgerungsfeier in Berlin: "Jeder Person, die in diesem Land als 'nicht-weiß' gelesen wird, haftet das Wort an", kritisiert Azadê Peşmen. (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)

Der Begriff "Migrationshintergrund" wird in vielen amtlichen Statistiken verwendet. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission empfiehlt, ihn nicht mehr zu nutzen. Die Journalistin Azadê Peşmen nennt ihre fünf Gründe, das Wort abzulehnen.

Erstens – Den Begriff hat sich das Statistische Bundesamt ausgedacht. Er dient dazu, Menschen in eine Kategorie zu packen, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, sondern die ihnen aufgezwungen wurde. Eine Fremdbezeichnung also – und Fremdbezeichnungen sind in der Regel respektlos.

Zweitens – Er ist maximal ungenau. Paul Müller, dessen Eltern aus Polen kommen, hat qua Definition genau so sehr "einen Migrationshintergrund" wie, sagen wir, jemand, der Samy El Khatib heißt. Nur dass Letzterer im Gegensatz zu Paul rassistisch diskriminiert wird, auf dem Wohnungsmarkt, bei der Arbeitssuche, an der Clubtür, sobald es die Pandemie wieder zulässt. Bei Paul wird nicht erwähnt, dass er einen "Migrationshintergrund" hat. Bei Samy hingegen schon. Gemeint ist mit Migrationshintergrund in der Regel nicht jemand, dessen Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, sondern jemand, der kurdische, arabische oder türkische Eltern hat.

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Drittens – Dass man sich nur dann einfach nur "Deutscher" nennen darf, wenn die Blutlinie arisch ist, ist rassistisch. Und beruht im Grunde auf dem Ius sanguinis, also der "Blut und Boden"-Theorie, die es bis vor noch nicht allzu langer Zeit Menschen, die hier geboren wurden, verwehrt hat, automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Die bekam man nur, wenn auch das Blut der Eltern von dieser Erde abstammt.

Viertens – Das Wort ist viel zu lang, schwerfällig, verlängert jeden Text unnötig und lässt sich auch sehr schwer übersetzen. Mehr noch: Es gibt dieses Wort und damit auch dieses Konzept nur im Deutschen. Jeder, der ich im Ausland erkläre, warum ich in Deutschland nicht als "Deutsche" gelte, obwohl ich hier geboren bin, bekommt irreversible Knoten in sämtlichen Gehirnregionen.

Fünftens – Ich finde das Wort "Migrationshaft" viel besser. Es ist treffsicher und beschreibt das Problem von der Pike auf: Jeder Person, die in diesem Land als "nicht-weiß" gelesen wird, haftet dieses Wort an. Man wird es einfach nicht los. So als wäre man in Haft. Entlassen wird man nie. Auch nicht in fünfter Generation.

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