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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.04.2014

DebatteMuslima kämpfen um Anerkennung ihres Kopftuches

Ausübung der Religion oder politisches Symbol?

Von Ita Niehaus

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Was darf man in welchem Bundesland mit einem Kopftuch? (AP Archiv)
Was darf man in welchem Bundesland mit einem Kopftuch? (AP Archiv)

Der Kopftuchstreit bewegte Politik und Gesellschaft vor ein paar Jahren ausgesprochen heftig. Der Kampf um das Textil auf dem Kopf hat sich etwas beruhigt - doch die Debatte ist noch lange nicht beendet.

Silvia Horsch: "Also, wie gewinnt ein Gelehrter an Autorität?..."

Ein Seminar am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück: Thema ist hier die Glaubensgrundlagen des Islam. Die meisten Studentinnen tragen ein Kopftuch. Auch Danya Ouklah. Das dunkelblaue Tuch, passend zur Hose, ist eng um ihren Kopf geschlungen, kein Haar ist zu sehen. Es ist für sie vor allem ein religiöses Symbol.

"Ein Sich-Bekennen, ein 'iIch steh dazu', ich bin Muslima. Ich habe auch kein Problem damit, wenn ich in einen Raum trete mit meinem Kopftuch, dass ich bestimmte Werte verkörpere. Auf der Ebene der Lehramt-Kopftuch-Debatte wird das Ganze eben als politisches Symbol gewertet. Und das ist eben auch eines der Probleme."

Die 26 Jahre alte selbstbewusste Muslima mit türkischen Wurzeln wollte eigentlich Lehrerin werden. Das erste Staatsexamen hat sie bereits bestanden. Doch nun studiert sie in Osnabrück erst einmal Islamische Theologie, auf das Referendariat hat sie vorerst verzichtet. Ein Grund:

"Man weiß ja, was man zu befürchten hat: Dass Eltern sich beschweren, dass es vielleicht im Kollegium Leute gibt, die damit nicht klar kommen. Gerade wenn man im Referendariat ist, befindet man sich ja noch in der Ausbildung. Das heißt, man ist auch noch nicht so in seinem Beruf, dass man das komplett ausblenden kann. Das ist eine Zeit, die sehr, sehr stressig ist. Und wenn man sich zusätzlich so einen persönlichen Stress noch auflädt, dann kann das, glaube ich, ganz unangenehm werden."

Kopftuchverbote in acht Bundesländern

Silvia Horsch ist Dozentin an der Universität Osnabrück. Und sie trägt ein Kopftuch. Trotz des Verbots an Hochschulen. Denn sie arbeitet am Institut für Islamische Theologie. Und da ist es wiederum erlaubt. Auch sie hat in ihren Seminaren festgestellt, dass viele Muslima zwar Islamische Theologie studieren, aber wie Danya Ouklah, aufgrund der Rechtslage nicht auf Lehramt. Sylvia Horsch kann das gut verstehen. Denn sie selber ist einmal abgelehnt worden, weil sie auf ihr Kopftuch nicht verzichten wollte:

"Ich hatte ein Vorstellungsgespräch zum Beispiel an einer Sprachenschule, ich habe noch Deutsch als Fremdsprache studiert, wo mir also explizit gesagt wurde, mit Kopftuch könnte ich nicht eingestellt werden. Also das gab es schon."

Acht der 16 Bundesländer, darunter Nordrhein Westfalen, Bayern, Hessen und Niedersachsen, haben ein Kopftuchverbot für Lehrkräfte an Schulen und Hochschulen erlassen. Da Schulgesetze Ländersache sind, fallen die Regelungen unterschiedlich aus. In Niedersachsen etwa dürfen Lehrerinnen das Kopftuch tragen, aber nur während des Islamischen Religionsunterrichts. Das heißt, kein Kopftuch auf dem Schulhof oder in einem anderen Unterrichtsfach. Diese Regelung wurde mit einem breiten politischen Konsens vom Niedersächsischen Landtag beschlossen, so Susanne Schrammar, Pressesprecherin des Niedersächsischen Kultusministeriums. Die Islamischen Verbände wehren sich schon seit langem gegen diese, wie sie sagen, Diskriminierung. Avni Altiner, Vorsitzender des Moscheeverbandes Schura in Niedersachsen.

"Von dem Verbot ist ja nur eine einzige Schicht betroffen, muslimische Frauen, die in der Bundesrepublik, in Niedersachsen leben. Und das kann nicht angehen. Wir wissen als Muslime, dass unsere Geschwister Kopftuch tragen aus Überzeugung und aus Glaubensgründen. Deswegen sehen wir die Neutralitätspflicht in Schulen nicht verletzt."

Lehrerinnen und Lehrer seien Vertreter des Staates, so die Befürworter des umstrittenen Gesetzes, und somit auch durch ihre äußere Erscheinung, also zum Beispiel durch die Kleidung, zu religiöser und weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Ein Argument, das auch viele islamische Theologen, wie Bülent Ucar, Leiter des Instituts für Islamische Theologie in Osnabrück, nicht überzeugend finden:

"Wir leben nicht in einem Staat, der anti-religiös eingestellt ist, im Gegenteil. Wir haben hier das sogenannte Kooperationsmodell. Und Religion wird als eine Bereicherung unserer pluralen Gesellschaftsordnung gesehen. Und daher ist mein persönliches Verständnis, dass die Kippa genauso wie das Kopftuch und das Kreuz eine Selbstverständlichkeit im schulischen Alltag sein muss. Genauso, wie auch die Position von denjenigen, die gar keine religiösen Symbole tragen und sich für areligiös oder anti-religiös positionieren und erachten."

Denn bei der Debatte um das Kopftuchverbot geht es auch um die grundsätzliche Frage, welche Rolle Religion in unserer Gesellschaft spielen darf.

"Hier gibt es Bürgerinnen und Bürger, die meinen, Religion hat im öffentlichen Leben nichts zu suchen, das ist eine absolute Privatangelegenheit. Diese Position erachte ich für höchst problematisch, weil sie die Religionsfreiheit sehr stark eingrenzt. Denn Religionsfreiheit macht nur dann Sinn, wenn ich auch diese tatsächlich im öffentlichen Raum ausleben kann."

Das Kopftuch der Putzkraft - kein Problem. Das Kopftuch der Lehrerin - schon

Danya Ouklah ist es leid, auf ein kleines Stück Stoff reduziert zu werden. Dass viel zu oft nur gesehen wird, was muslimische Frauen auf dem Kopf, und nicht, was sie im Kopf haben.

"Das Kopftuch der Putzkraft, damit hat keiner ein Problem. Aber mit dem Kopftuch der Lehrerin haben scheinbar die Menschen Probleme. Und - ich spreche mal in unserem Namen – das, was wir kritisieren, ist: Man wirft den Muslimen immer vor, sich nicht in die Gesellschaft zu integrieren und nicht ein Teil der Gesellschaft sein zu wollen. Und wenn man eben so weit partizipiert, dass man versucht, in allen Bereichen des Lebens mitzuwirken, dann wird von der anderen Seite doch wieder so eine Parallelgesellschaft geschaffen. Einfach dadurch, dass man sagt: In diese Bereiche kommt man eben nicht rein."

Dennoch: die Muslima gibt nicht auf. Sie möchte immer noch gerne Lehrerin werden:

"Ein bisschen Vertrauen, Selbstbewusstsein, dann wird sich in Zukunft hoffentlich was ändern."

Beim Thema Kopftuchverbot ist einiges in Bewegung. Zwei Klagen gegen das Kopftuchverbot in Nordrhein Westfalen liegen beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vor. Niedersachsen verhandelt als erstes deutsches Flächenland mit drei muslimischen Verbänden über einen Staatsvertrag, der viele Alltagsfragen regeln soll. Auch das Kopftuchverbot soll ein Thema bei den Verhandlungen sein. Doch dazu will sich zur Zeit niemand äußern. Bülent Ucar aber ist optimistisch, dass sich langfristig da etwas ändern wird.

"Als diese Kopftuchverbote eingeführt worden waren, war die gesellschaftliche Atmosphäre sehr aufgeladen. Ich habe bereits damals gesagt, wir brauchen eine entspannte Atmosphäre, um diese Frage auch wirklich differenziert diskutieren zu können. Und ich glaube, dass jetzt, nach mehreren Jahren des Kopftuchverbots, eine Einsicht in weiten Kreisen der Politik eingekehrt ist, dass man mit solchen Verboten wenig erreicht."

Das Kopftuchverbot gilt nur für staatliche Schulen. Schulen in privater Trägerschaft können selbst entscheiden, wie sie das handhaben wollen. Die Drei-Religionen-Schule, zum Beispiel. Trägerin ist die Schulstiftung des Bistums Osnabrück. Annett Abdel-Rahman arbeitet dort als Lehrerin. Mit Kopftuch. Nicht nur im Religionsunterricht.

"Also, ich trete nicht als die Schubladen-Muslima auf, die man schnell ist, wenn man nur für den Islamunterricht in die Schule kommen kann, auf Grund der Bekleidung, sondern ich unterrichte alles. Und das macht, glaube ich, schon was Besonderes aus, weil wir im Grunde genommen Integration vorleben damit."

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