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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.06.2014

DebatteDer polarisierte Arbeitsmarkt

Sozialwissenschaftler fordert gerechtere Verteilung von Arbeit

Stefan Sell im Gespräch mit Julius Stucke

Jobcenter in Leipzig (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Während die einen unter permanenter Arbeitsverdichtung leiden, suchen die anderen händeringend nach einem Job. (dpa / Waltraud Grubitzsch)

Die einen sind völlig überfordert, die anderen suchen verzweifelt nach einem Job - in Deutschland muss über die Verteilung von Arbeit grundsätzlich neu diskutiert werden, fordert der Sozialwissenschaftler Stefan Sell.

Julius Stucke: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir werfen einen Blick auf den Arbeitsmarkt und müssen feststellen: Es geht voran, Arbeit wird gemacht! Weniger als 2,9 Millionen Arbeitslose, 6,6 Prozent nur. Und auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Aber Statistiken sind eben nur Statistiken, und so kann man nicht nur in die Hände, sondern diesen Zahlen auch in die Suppe spucken. Denn viel Arbeit, die heutzutage gemacht wird, ist befristet, viel Beschäftigung sogenannte Kurzzeitbeschäftigung, also keine sichere Bank für die Menschen. Wie ungleich ist unser Arbeitsmarkt und wie ungerecht? Darüber spreche ich mit Professor Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz. Guten Morgen, Herr Sell!

Stefan Sell: Guten Morgen!

Stucke: Von wie vielen Menschen sprechen wir denn, deren Arbeit nur kurzfristig ist und die in dieser Statistik fehlen?

Sell: Wir müssen jetzt mal ganz grundsätzlich unterscheiden: Es gibt die Arbeitslosen, Sie haben die Zahl ja eben gerade genannt, 2,88 Millionen waren es vor wenigen Tagen, das ist aber die Zahl der registrierten Arbeitslosen. Tatsächlich nenne ich Ihnen eine andere Zahl, nämlich über 3,7 Millionen. Jetzt wird der eine oder andere sich wundern und sagen, das sind ja fast eine Million Unterschied. Diese Zahl habe ich mir nicht ausgedacht, sondern die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht die selber, das ist die Zahl der Unterbeschäftigten, da sind nämlich alle die drin, die sehr wohl arbeitslos sind, die aber aus statistischen Gründen nicht mitgezählt werden.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wir haben fast 200.000 über 58-jährige Arbeitslose in unserem Land, die in den letzten zwölf Monaten kein Jobangebot bekommen haben und die nur deswegen nicht mehr als Arbeitslose in der Statistik auftauchen, obwohl die natürlich, Sie werden mir zustimmen – weiterhin arbeitslos sind.

Stucke: Das heißt, wir haben in der Statistik einen großen Teil von Menschen, die fehlen. Sie sagen, es sind über drei Millionen oder fast 3,8 Millionen. Und dann gibt es zusätzlich noch die Menschen, die eben nur kurzfristig Arbeit haben?

700.000 Kurzzeitjobber

Sell: Ja, natürlich. Wenn man zum Beispiel im Fernsehen sieht oder in den Nachrichten liest, Rekordmeldung, noch nie gab es so viel Beschäftigte in Deutschland, und dann wird die Zahl, über 42 Millionen Beschäftigte haben wir! Und dann denkt der normale Bürger, die normale Bürgerin, die denken an einen Vollzeitjob, 39 Stunden in der Woche mit halbwegs normaler Bezahlung. In diesen Zahlen stecken alle drin. Da steckt also der Normal-Beschäftigte drin, der seine 39 Stunden in der Woche arbeitet, aber genauso mit einem Kopf geht die Minijobberin ein, die ja nun wesentlich weniger arbeitet und meistens deutlich weniger verdient. Und sogar die Leute, über die Sie gesprochen haben als Kurzzeitjobber. Das sind Leute, die weniger als Zehn-Wochen-Arbeitsverträge haben. Da schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur, dass es etwa 700.000 Menschen betrifft, die zu dieser Gruppe der Kurzzeitjobber gehören. Aber in dem Moment, wo die so einen Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf-Wochen-Job machen, zählen die als Beschäftigte.

Stucke: Kann man diese rund 700.000 Menschen, kann man denn sagen, dass die sich auf bestimmte Altersgruppen verteilen, in bestimmten Branchen besonders zu treffen sind?

Sell: Ja, natürlich. Wir können sagen, dass es einen Schwerpunkt gibt bei den eher jüngeren Menschen. Und das hängt natürlich zusammen auch mit der Branchenverteilung. Wir finden diese Kurzzeitjobs vor allem in einem Bereich, den man so neudeutsch Kreativwirtschaft nennt. Ist ja gerade in Berlin eine boomende Branche. Das sind also die Leute, die im Künstlerischen, im Medienbereich arbeiten, in den Agenturen, als Soloselbstständige vor sich hinschaffen. Also, dort findet man ganz viele dieser Verträge und auch dieser Existenzen. Daneben aber – das darf man nicht vergessen – vor allem in der Leiharbeit und im Einzelhandel, dort finden wir sehr viele Kurzzeitjobber. Und gerade die Leiharbeit, das ist problematisch, weil dort ganz offensichtlich nicht wenige wirklich nur für dann ein paar Wochen einen Vertrag kriegen, solange der Auftrag läuft. Und dann werden die wieder entlassen. Und die ursprüngliche Idee war mal eine andere, aber das ist nicht so.

Stucke: Bei den Kreativberufen, die Sie nennen, würde ich jetzt noch unterstellen, dass viele da durchaus eine frei gewählte Unsicherheit haben. Aber die, die das frei wählen, welche Probleme haben die eventuell trotzdem mit ihrer Kurzzeitbeschäftigung?

Sell: Das mit dem frei wählen, auf den ersten Blick ja. Aber wenn eine ganze Branche so strukturiert ist, muss man natürlich sehen, kann leider auch schnell zwangsweise, scheinbare Freiwilligkeit werden, weil es gar keine anderen Alternativen gibt. Das Hauptproblem für diese Menschen ist natürlich, dass sie zum einen ganz klar auf ein soziales Sicherungssystem stoßen in Deutschland, wo – denken Sie nicht nur an die Rente – alles letztendlich von einem normalen Arbeitsverhältnis abhängt, darauf baut unsere soziale Sicherung. Vereinfacht können wir sagen, also, diese Menschen, wenn die das längere Zeit machen, wenn die da nicht irgendwann den Sprung schaffen in normale reguläre und dann gut bezahlte Beschäftigung, dann werden die niemals zum Beispiel Alterssicherungsansprüche erwerben können, die oberhalb der Grundsicherung liegen. Da kann man jetzt sagen, gut, das ist ein Problem, was die jetzt haben, wenn sie dann älter werden.

Aber wir haben auch aktuell natürlich ein ganz klares Einkommensproblem, weil, sie haben ja nicht Ansprüche zum Beispiel da, wo sie keine Beschäftigung haben, auf Arbeitslosengeld. Die Bundesregierung hatte mal versucht, das zu erleichtern gerade für Künstler, aber bundesweit nehmen diese erleichterten Formen knapp 280 Menschen überhaupt nur in Anspruch. Also, das ist gescheitert. Denen bleibt nichts weiter über – und das tun die dann allerdings auch –, dass die zum Jobcenter gehen müssen dort aufstockendes Arbeitslosengeld II, eine steuerfinanzierte Leistung, in Anspruch nehmen müssen. Aber jetzt stellen Sie sich mal vor, was das auch an unglaublicher Arbeit verursacht, denn die Jobcenter müssen ja Monat für Monat bei diesen Leuten berechnen, haben die Einkünfte gehabt. in welcher Höhe, was muss ich anrechnen? Das ist also ein gewaltiges Arbeitsbeschaffungsprogramm auch für unsere Grundsicherungssysteme.

Stucke: Also gibt es Probleme jetzt und es gibt Probleme in Zukunft. Herr Sell, was tun, welche Konsequenzen zieht man daraus?

Von Kurzzeitvertrag bis Überbeschäftigung

Sell: Ich glaube, wir müssen wirklich wieder eine grundsätzliche Diskussion führen über die Verteilung des Arbeitsvolumens. Denn was wir jetzt ja sehen, ist eine Polarisierung des Arbeitsmarktes. Es gibt auf der einen Seite nicht nur die, die sich von Kurzzeitverträgen zu Kurzzeitverträgen hangeln, 40 Prozent der neuen Arbeitsverträge sind befristet, und viele wollen Arbeit, auch viele Teilzeitbeschäftigte wollen zum Beispiel mehr arbeiten, das wissen wir aus Untersuchungen. Das heißt, dort gibt es offensichtlich eine Unterbeschäftigung. Auf der anderen Seite gibt es eine – lassen Sie es mich so sagen – Überbeschäftigung im Kernbereich, diejenigen gerade, die Facharbeiter, Handwerker, Leute, die bestimmte Qualifikationen haben, klagen über eine ständig zunehmende Zahl an Überstunden.

Und bei der Gruppe reden wir dann über Burn-out, Zunahme der psychischen Erkrankungen, die auch – nicht nur, aber auch – mit darauf zurückzuführen ist, dass die Arbeitsbelastung derjenige, die Arbeit haben im Kernbereich, immer stärker wird. Dahinter steckt das deutsche Modell, Arbeit zu verdichten, zu rationalisieren, produktiver zu machen. Und das müssen wir auch mal grundsätzlich jetzt infrage stellen. Weil ich glaube, wir sind hier an eine Grenze gekommen, wo die einen völlig überfordert werden, während die anderen verzweifelt nach mehr Arbeit suchen. Wir brauchen also wieder eine Diskussion endlich mal über die Verteilung von Arbeit, um die man sich bisher ja zunehmend gedrückt hat.

Stucke: Sagt Stefan Sell, Sozialwissenschaftler und Volkswirtschaftler, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz. Ich danke Ihnen, Herr Sell, und einen schönen Tag!

Sell: Danke, Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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