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Studio 9 | Beitrag vom 13.05.2015

DebalzeweNach der Schlacht

Von Florian Kellermann

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Spuren der Kämpfe in Uglegorsk, einem Nachbarort von Debalzewe in der Ukraine (dpa / picture alliance / Nikolai Muravyev)
Spuren der Kämpfe in Uglegorsk, einem Nachbarort von Debalzewe in der Ukraine (dpa / picture alliance / Nikolai Muravyev)

Debalzewe im Osten der Ukraine war noch vor wenigen Monaten Schauplatz erbitterter Kämpfe - bis zum Sieg der prorussischen Separatisten. Von vielen Häusern sind heute nur noch Ruinen übrig. Und dennoch kehrt langsam das Leben in die Stadt zurück.

Im Zentrum von Debalzewe liegt ein kleiner Park. Unter den Kastanien stehen Jugendliche im Halbkreis, eine Frau mit Mikrofon animiert sie zum Tanzen. Es ist Wochenende - und es ist wieder Leben in Debalzewe. Die Stadt war bis vor drei Monaten Schauplatz erbitterter Gefechte, bis die Separatisten die ukrainische Armee verdrängten. Nun kommen die Geflohenen langsam wieder zurück.

Alexej und Swjetlana Gudjakow waren die ganze Zeit hier, als eine der wenigen.

"Wir haben es überstanden, weil die Nachbarn geflohen waren und viele Konserven hinterlassen hatten. Wir sind ins Haus meiner Schwester gezogen, die auch weg war. Dort waren die Fensterscheiben noch ganz, sodass es im Winter nicht ganz so kalt wurde."

Am Bahnhof von Debalzewe fährt wieder täglich ein Zug

Swjetlana wirft einen Blick auf ihren Sohn, er ist vier Jahre alt. Er sei schon allein über die Treppe in die Grube geklettert, wenn wieder einmal die Granaten flogen, erzählt sie stolz. Die Eltern mussten um den Kleinen kümmern, der heute 13,5 Monate alt ist.

Das Leben normalisiert sich allmählich in Debalzewe, das als Eisenbahnknotenpunkt bekannt ist. Am Bahnhof fährt immerhin wieder ein Zug täglich. Alexej, der früher in einem Heizkraftwerk arbeitete, ist den Separatisten dankbar dafür.

"Meine Meinung lautet: An dem Ganzen sind die Politiker in Kiew schuld. Sie haben Soldaten hierher geschickt anstatt zu verhandeln. Auch diese Soldaten haben Familien, Kinder und Häuser. Viele von ihnen sind hier gestorben - und das völlig sinnlos."

Alexej und Swjetlana Gudjakow mit ihrem kleinen Sohn in der ukrainischen Stadt Debalzewe (Florian Kellermann)Alexej und Swjetlana Gudjakow mit ihrem kleinen Sohn in der ukrainischen Stadt Debalzewe (Florian Kellermann)

So denken die meisten in Debalzewe. Wer mit den Separatisten nicht einverstanden war, hat die Stadt längst Richtung Westen verlassen.

Am anderen Ende des Parks, vor einem ehemaligen Supermarkt, hat sich eine Schlange gebildet. Frauen mit Kopftüchern stehen an und Männer mit Schiebermützen. Es gibt Brot. Valentin Nikolajewitsch, ein Rentner, zeigt eine Lebensmittelkarte, in der Mitte prangt das Wappen der sogenannten Donezker Volksrepublik.

"An Wochentagen bekommen wir auch Pakete mit internationaler Hilfe. Da sind dann zwei Liter Sonnenblumenöl drin, drei Kilo Reis, und fünf Kilo Mehl, außerdem Fisch- und Fleischkonserven. Dann gibt es noch ein Hygienepaket, mit Klopapier, Zahnbürsten und Seife."

"Mit meinen 60 Jahren bin ich noch einmal obdachlos geworden"

Immer wieder betont der ehemalige Bergmann, dass ihm doch eigentlich Rente zusteht. Aber die Ukraine habe ihm in diesem Jahr noch nichts ausgezahlt. Seit April geben ihm die Separatisten monatlich einen kleinen Betrag.

Keine 100 Meter abseits des Parks wird sichtbar, wie zerstört Debalzewe ist. Die meisten der mehrstöckigen Wohnhäuser haben Treffer bekommen, manche sind mitten entzwei gerissen.

Ein ähnliches Bild in einem Viertel mit Einfamilienhäusern. Von einigen sind nur noch Trümmer übrig. Eine Rentnerin verabschiedet gerade ihre Verwandten, die zurück nach Russland fahren.

"Mit meinen 60 Jahren bin ich noch einmal obdachlos geworden. Ich habe nichts mehr, mein Haus ist völlig abgebrannt. Wenigstens kann ich hier, bei meiner Tochter wohnen. Ich will nichts mehr wissen von der Ukraine, sie hat uns sehr verletzt."

Aber haben nicht beide Seiten um Debalzewe gekämpft, beide Seiten geschossen? Schon, sagt die Frau, die sich als Jelena Petrowna vorstellt, aber die ukrainische Armee habe ihre Geschütze zwischen die Wohnhäuser gestellt und so das Feuer auf sich und ihr Viertel gezogen. Das werde sie der Ukraine nie verzeihen, sagt sie.

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