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Vollbild | Beitrag vom 08.09.2018

DDR-Film "Adam und Evelyn"Wie liebt man in einer Zeitenwende?

Andreas Goldstein im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Szene aus dem Film "Adam und Evelyn" von Andreas Goldstein. Zu sehen sind die Schauspieler Florian Teichtmeister, Lena Lauzemis, Anne Kanis und Milian Zerzawy (Andreas Goldstein)
Er habe bewusst auf eine möglichst realistische Filmausstattung verzichtet, sagt Regisseur Andreas Goldstein zu seinem Film "Adam und Evelyn" - hier eine Szene daraus. (Andreas Goldstein)

Mit magischer Ruhe erzählt "Adam und Evelyn" von einer Liebe im Sommer 1989, kurz vor dem Ende der DDR. Regisseur Andreas Goldstein war es wichtig, starke Frauen-Figuren zu zeigen und die historischen Ereignisse nicht zu dramatisieren.

Patrick Wellinski: Können Sie vielleicht erklären, wie in der Drehbuchphase von "Adam und Evelyn", was da die großen Herausforderungen waren, was Sie haben wollten von dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze, und was Sie eben vielleicht auch weglassen mussten und warum?

Andreas Goldstein: Ich dachte ursprünglich, ich könnte den Roman eins zu eins in ein Drehbuch übersetzen und dann quasi das Drehbuch herausmeißeln, weil die Übersetzung vielleicht 300 Seiten waren, und dann hat sich das aber als ein Irrtum erwiesen, weil Film anders funktioniert als ein Roman. Der Roman kann zum Beispiel im ersten Satz sagen, das sind Adam und Evelyn, was der Roman nicht tut, aber er kann es sagen, und dann sind die Figuren da. Das kann der Film nicht.

Eine filmische Struktur, ein filmisches Erzählen ist im Grunde immer aus einer Perspektive, während der Roman die Erzählerperspektive und die Perspektive der Figuren gleichzeitig erzählen kann. Das ging nicht, das hat sich als zu kompliziert erwiesen (...). Ich habe das dann eins zu eins übersetzt und dann reduziert, reduziert und im Grunde auf die wesentlichen Momente des Romans reduziert.

Also es war so, beim Lesen des Romans gab es acht Stellen, wo ich dachte, die würde ich in dem Film haben wollen, und dann hat man angefangen von diesen acht Stellen sozusagen wieder anzufüttern, und wir haben vielleicht anderthalb Jahre am Drehbuch gearbeitet, im Grunde mit einer Wasserwaage, und haben hier ein bisschen weggenommen und da ein bisschen dazu, und dann mussten wir auch eigene Szenen schreiben, weil der Roman da nicht die Szenen hatten, die wir für die filmische Erzählung brauchten.

Wenige Dialoge, aber kostbare einzelne Sätze

Wellinski: Das führt auch dazu, dass der Film eine sehr schöne magische Ruhe hat. Es passieren ganz große weltbewegende Ereignisse '89, der Mauerfall, aber das alles ist so eine Art Echo, kommt über das Radio gespiegelt, Menschen erzählen sich etwas. War Ihnen das wichtig, quasi das Zeitgeschehen, ich sage es jetzt mal: zu verlagern? Es ist zwar da, aber es beschäftigt auch die Figuren, aber es ist jetzt irgendwie nicht Teil des Visuellen.

Goldstein: Das war extrem wichtig, weil was ich und wir nicht wollten, war eine Dramatisierung. Also was ich in Filmen sehe über die Geschichte, ist, dass im Grunde Historisches dramatisiert wird. Das entspricht aber nicht meiner historischen Erfahrung, weil die Leute ihr Leben leben, und dahinter bewegen sich die Dinge, und da bewegt sich die Geschichte, und das ist nicht deckungsgleich.

Was mir eben an dem Roman so gut gefallen hat, das Lakonische der Figuren, die ganz unaufgeregt und mit viel mehr Zweifeln und großer Skepsis. Was übrigens ein Charakteristikum der DDR-Leute war, was man heute völlig vergisst, ist eigentlich eine extreme Skepsis, und die sehe ich eigentlich in diesen Filmen nicht mehr, und das fand ich in dem Roman ganz wunderbar, und das war wichtig, das in den Film zu übersetzen und zu retten.

Es war so, dass natürlich der Roman unglaublich viele Dialoge hat, und das waren aber die Punkte, die uns nicht interessiert hatten, weil das Schöne war, so einzelne Sätze, die so herausstachen wie Nadeln, und die Kostbarkeit dieser Sätze zu erhalten und sie auch sichtbar zu machen oder hörbar zu machen, das war eigentlich das Wichtige, und deswegen auch diese Reduzierung.

Wellinski: Wenn Sie jetzt sagen, auch dass es um die Erinnerung geht, dann ist natürlich auch wichtig die Motivationshandlung der einzelnen Figuren, und Adam und Evelyn haben ja schon ganz andere Motive, also auch Ideen, was mit ihnen passiert. Adam, der Frauenschneider, der lebt ja im wahrsten Sinne des Wortes in einer Art Paradies. Er ist sehr zufrieden in der DDR. Evelyn ist ja die, die rausdrängt. In dem Moment entsteht ja auch so ein Beziehungstwist. Ich wollte fragen, sowohl Adam und Evelyn jetzt mal so vereinzelt rausnehmen, warum will Adam eigentlich bleiben? Ist das die Skepsis, die Sie vorher erwähnt haben?

Goldstein: Ja, das ist die Skepsis. Ich meine, es ist auch eine Kritik an Adam. Das habe ich erst sehr spät verstanden. Am Anfang war die Identifikation größer, dann habe ich verstanden, dass es aber auch eine Kritik ist an einem Nischendasein, was sich nicht aufrechterhalten lässt, und Adam hat ein Gespür vielleicht für das Kommende, weil wenn wir über diese Zeit reden, das war ein wichtiger Punkt oder des Interesses am Stoff, zu verstehen, dass natürlich der Sommer '89 nicht nur das Ende der DDR war, sondern auch eine Zeitenwende, im Grunde auch das Ende der alten Bundesrepublik, und das war in dem Augenblick aber nicht zu wissen. Das ist eine Sache, die mich sehr interessiert hat an der Geschichte, nämlich etwas zu erzählen, was wir erst von heute aus wirklich verstehen können und was man auch vor 30 Jahren so hätte nicht erzählen können, weil man das Wissen nicht hat, wie die Geschichte weitergeht.

Evelyn sucht Veränderung, die Adam nicht braucht

Wellinski: Wenn Adam aus Skepsis vielleicht oder aus Vorwissen bleiben will, ist Evelyn eine, die mir auch sehr imponiert hat, weil ich hatte immer das Gefühl, die packt das schon. Also da ist ja auch wenig Unsicherheit, jedenfalls zeigt sie sie gar nicht. Ist Evelyn eine, die dann, wenn Adam schon das Negativere der Zukunft sieht, sieht sie eher das Positive?

Goldstein: Ich glaube, das hat auch was mit der, sagen wir mal, mythologischen Anlage des Romans zu tun, mit dem der Roman ja spielt und mit dem wir auch im Film umgehen, dass im Grunde Evelyn die Unruhe ist und irgendeine Art Veränderung in ihrem Leben sucht, die Adam nicht braucht. Das markiert vielleicht den Unterschied bei den Figuren, wobei ihre Vorstellungen auch diffus sind oder der Film spricht die nicht aus. Die sind nicht erklärt, und es gibt keine konkreten Vorstellungen davon, wie ihr Leben sein wird.

Was auch wichtig ist, was ich übrigens gar nicht mehr sehe in den Filmen über die DDR, dass die DDR extrem starke Frauen hervorgebracht hat, und sagen wir mal, also die sexuell emanzipierte Frau ist vielleicht eine Kulturleistung der DDR, wenn man das so sagen möchte, und das ist heute gar nicht mehr im Bewusstsein, und das hat sich hier (...) Ich habe darüber nicht nachgedacht, aber das lag im Roman begründet, und jetzt, wenn ich den Film ansehe, sehe ich auch, dass diese zwei Frauenfiguren, die in dem Film auftreten, etwas davon wiedergeben.

Bewusster Verzicht auf DDR-Ausstattung

Wellinski: Überhaupt ist die filmische Annäherung an die DDR in Ihrem Film ja augenfällig anders als das, was man wirklich regelmäßig nicht nur im Fernsehen, aber auch im Kino zu sehen bekommt. Ich habe immer das Gefühl von Kulissenschieberei ganz häufig. Also ich sehe da einen Trabbi, der muss natürlich da sein, und wie wäre es, ohne Stasi geht natürlich gar nichts. Wie wichtig war das jetzt für Sie, auch bei "Adam und Evelyn" vielleicht auch nicht zentral, aber irgendwie dann doch mitzudenken, wenn wir schon einen Film aus diesem Stoff machen, dann evozieren wir oder erträumen wir uns dann doch noch mal eine andere DDR, filmisch?

Goldstein: Ausstattungsnaturalismus hat uns nicht interessiert. Das war eine Entscheidung, die wir gleich ganz am Anfang auch hatten oder die immer eigentlich da war, dass wir gesagt haben, das wollen wir nicht, weil die Dinge, die man da sieht, auch nicht der eigenen Erinnerung oder der eigenen Wahrnehmung entsprechen. Diese vollständig ausgestatteten DDR-Wohnungen wie aus Katalogen oder selbst wenn sie so gewesen wären, ist es eben nicht realistisch.

Also es ist sozusagen die Eins-zu-eins-Wiedergabe von irgendetwas, was mal war, dann bin ich im Kostümfilm oder im Museum, aber zu sagen, ich habe hier lebendige Figuren, die sich in Räumen bewegen und die ihre Lebensräume sind, und das muss ich auch in irgendeiner Weise verbinden, und für mich verbindet es sich nicht in diesen völlig …, weil ich sehe Schauspieler von heute, die in ausgestatteten Räumen von vor 30 Jahren herumlaufen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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