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Tonart | Beitrag vom 07.05.2020

David Yaffe: "Joni Mitchell - Ein Porträt"Freigeist und Unruhestifterin

Von Olga Hochweis

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Porträt von Joni Mitchell 1968. (Getty Images / Jack Robinson)
Die Biografie „Joni Mitchell-Ein Porträt“ nähert sich einer Ikone der Musikgeschichte. (Getty Images / Jack Robinson)

Die Kanadierin Joni Mitchell ist eine Ikone der Musikgeschichte. Ihre lesenswerte Biografie des Autors David Yaffe ist mit Akribie und Kenntnis geschrieben.

Neunzehn Alben, darunter viele Meisterwerke, hat sie seit ihrem Debüt 1968 veröffentlicht, und dabei große Unabhängigkeit bewiesen. Dies nicht zuletzt auch in der Wahl ihrer vielen Musik- und Liebespartner, die ein "Who’s Who" der US-amerikanischen Musikszene abbilden.

Mitchells letztes Album "Shine" erschien 2007 - zugleich das Jahr, in dem der US-Buchautor David Yaffe sie erstmals interviewt hat.

Schon vor drei Jahren erschien seine vielgelobte Mitchell-Biografie unter dem Titel "Reckless Daughter" in den USA. Jetzt liegt das Buch auf Deutsch vor. Knapp 600 Seiten Text sind zusammengekommen; bei 50 Interviewpartnern hat Yaffe sein umfangreiches Material recherchiert.

Erfolge und Enttäuschungen

In 33 Kapiteln erzählt er die erstaunliche Geschichte des Mädchens aus der kanadischen Prärie, das mit 25 Jahren als junge Frau in der Carnegie Hall gefeiert wird und in den 70er Jahren großartige Alben veröffentlicht, in den nachfolgenden Jahrzehnten zunehmend aber auch mit dem Musikbusiness hadert, berufliche und private Enttäuschungen erlebt.

Im Zentrum der Biografie stehen Mitchells 19 Alben, deren jeweilige Entstehung und die dazugehörigen privaten und beruflichen Umstände. Im Anhang listet Yaffe zudem auf, welche Interviews und Quellen anderer Kolleginnen und Kollegen er jeweils verwendet hat. 

Es fehlt die Distanz

Trotz dieses wissenschaftlichen Anstrichs ist von der ersten Seite an klar, dass Yaffe vor allem ein großer Mitchell-Fan ist und wohl zwei Seelen in seiner Brust schlagen. Denn jahrelang sprach Mitchell zunächst nicht mit dem Autor; ihr hatte missfallen, dass er in einem Artikel für die "New York Times" das Haus der Musikerin in Kalifornien als "Middle Class" beschrieben hatte. Yaffe selbst schildert in der Biografie, wie sie ihn deshalb "zur Schnecke" gemacht habe.

Es scheint, als hätte diese Erfahrung das Buch grundiert: Die Lady bloß nicht noch einmal verärgern. Entsprechend wohlwollend liest sich vieles.

Kritik wird eher ausgespart oder relativiert oder in Zitate diverser Gesprächspartner verlagert. Die Lektüre lohnt trotzdem, weil das Porträt der Musikerin mit viel Akribie und Kenntnis geschrieben wurde. Yaffes Biografie zeigt zudem, wie insbesondere negative Erfahrungen in Mitchells Leben zum Quell großer Kreativität wurden.

David Yaffe: "Joni Mitchell – Ein Porträt"
Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner, mit einem Nachwort von Thomas Steinfeld
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020
592 Seiten, 28 Euro

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