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Buchkritik | Beitrag vom 20.05.2020

David MacNeal: "Planet der Insekten"Ohne die Sechsbeiner geht es nicht

Von Volkart Wildermuth

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Buchcover zu David MacNeals "Planet der Insekten - Zu Besuch bei den wahren Herrschern der Erde". (Aufbau Verlag)
In "Planet der Insekten" setzt David MacNeal den Sechsbeinern ein Denkmal. (Aufbau Verlag)

Insekten lösen häufig starke Gefühle aus - oft Ekel. Wirklich ernst nehmen sie aber nur wenige. Das ist ein Fehler, warnt David MacNeal. Denn ohne sie ist die Erde in Gefahr.

"Insekten schätze ich nicht sonderlich, bis ich einem die Innereien herausriss", lautet der erste Satz im neuen Buch von David MacNeal. Der Wissenschaftsjournalist durfte in einem Biologielabor eine Lubber-Heuschrecke sezieren, erfuhr so vom komplexen Zusammenspiel ihrer Organe. Seither ist er fasziniert von diesen Tieren, von denen es weltweit etwa 30 Millionen Arten geben soll.

Über nützliche Moskitos und schräge Insektenflüsterer

Um möglichst viele Insekten vorzustellen, reiste MacNeal um die Welt. Nach Brasilien etwa, wo gen-veränderte Moskitos, Krankheiten wie Denguefieber oder Zika zurückdrängen helfen sollen.

Oder nach New York, wo er einen "Wanzenflüsterer" trifft. Cesar verrät, wie er mit Hitze und Kälte der Bettwanzenflut in New York zu Leibe rückt. Dort wagt der Autor sogar einen Selbstversuch: Er setzt sich ein ganzes Glas dieser Plagegeister auf den Unterarm – und sie beißen zu: "Ich flippe langsam aus. Der Rest ist zu peinlich, um es hier mitzuteilen".

Auf der griechischen Insel Ikaria trifft MacNeal Bienenzüchter, die ihr langes Leben auf den guten Honig der Insel zurückführen. In Australien erlebt er, wie Weiden unter Kuhfladen zu ersticken drohen, bis die gezielt eingeführten Mistkäfer für Abhilfe sorgen.

Eine Welt ohne Insekten

Kein Ort, an dem MacNeal nicht auf die wahren Herrscher der Welt trifft: tödliche Skorpione, eklige Maden, nützliche Hummeln. Je tiefer er eintaucht, umso mehr wird ihm klar: Verschwinden die Insekten, ist die Erde in Gefahr. Lebensnotwendige Abläufe geraten ins Stocken, Bestäubung bleibt aus, Schädlinge werden nicht in Schach gehalten.

Um von dieser Gefahr zu überzeugen, sind seine Reportagen geradezu vollgepackt mit Informationen. Was im Text nicht unterkommt, taucht in den Anmerkungen auf - was das Ganze unübersichtlich macht.

Ein (über-)ambitionierter Bericht 

Mehr noch: Viele der Informationen sind irrelevant. Was nützt es zu erfahren, dass eine Substanz aus Trichterspinnen vielleicht gegen Krebs hilft, wenn der Autor dann ohne Übergang zu Antibiotika aus Insektenseren springt? Und von da zu Regenwürmern, die nebenbei gar keine Insekten sind.

Einen roten Faden erkennt man leider nicht. Auch die Übersetzung ist wenig hilfreich, wenn etwa die Abkürzung EPA als "Europäisches Patentamt" interpretiert, wenn wahrscheinlich die amerikanische Umweltbehörde "Environmental Protection Agency" gemeint ist.

"Planet der Insekten" macht so unfreiwillig klar: Ein Sachbuch braucht Erklärungen und Einordnungen. Sie gelingen MacNeal immer dann, wenn er über mehrere Seiten bei einem Thema bleibt. Wenn er etwa das Leben der Bienen züchtenden Mönche in Südengland beschreibt oder Start-ups, die Maden in Leckerbissen verwandeln. Diese lohnenden Passagen drohen leider, im Wust der Informationen unterzugehen. Schade. Ein zwiespältiges Lesevergnügen.

David MacNeal: "Planet der Insekten. Zu Besuch bei den wahren Herrschern der Erde"
Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Frings
Aufbau Verlag, Berlin 2020
363 Seiten, 24 Euro

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