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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.04.2016

David Grossman: "Kommt ein Pferd in die Bar"Komödiant am Ende seiner Karriere

David Grossman im Gespräch mit Joachim Scholl

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Der israelische Autor David Grossmann 2015 bei einer Buchpräsentation während des Kosmopolis Festival in Barcelona. (picture alliance / dpa / Alejandro Garcia)
Der israelische Autor David Grossmann 2015 bei einer Buchpräsentation während des Kosmopolis Festival in Barcelona. (picture alliance / dpa / Alejandro Garcia)

In David Grossmans neuem Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" geht es um einen alternden Comedian, der bei einem Auftritt sein Jugendtrauma preisgibt. Er habe beim Schreiben zugleich Schmerz- und Glücksgefühle empfunden, sagt der israelische Autor.

David Grossman ist einer der prominentesten israelischen Gegenwartsautoren, vielfach ausgezeichnet - unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er ist auch ein engagierter Verfechter einer friedlichen Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Gerade ist sein neuer Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" erschienen. Die Hauptfigur des Buches ist ein Comedian.

Seinen Helden habe er - wie die meisten seiner Protagonisten - in seiner inneren Vorstellungswelt entdeckt, erzählte  Grossman im Deutschlandradio Kultur über die Entstehung des Buches:  

"Er ist 57 Jahre alt, irgendwo schon am Ende seiner Karriere angekommen, leicht verbittert, ein wenig heruntergekommen. Aber ab und zu gibt es eben dieses Aufblitzen seines Talents. Und in seinem Leben ist etwas sehr Traumatisches geschehen: Im Alter von 14 Jahren ist er dazu verflucht worden, ein Stand-up-Comedian zu werden. Und das ist eine Mischung aus Komödie und Tragödie, der wir da beiwohnen."  

So sei das Schreiben dieses Romans ein wenig schmerzvoll, zugleich aber auch sehr erfüllend gewesen, sagte Grossman:

"Wenn man sehr tief in sich eintaucht und zu gewissen Dingen in sich selbst vordringt, dann hat man das Gefühl, dass man das Richtige tut. In diesem Schmerz liegt ja auch eine gewisse Macht des Geschichtenerzählens. Und es ist ja auch ein Glück, wenn man eine Geschichte so erzählen kann, dass man nicht von ihr gefangen wird. Dass ein gewisser Raum zum Manövrieren übrig bleibt. Und dann befreien wir uns letztlich von dem Urteil, was wir schon über uns selbst gesprochen haben."

Flirt mit dem Publikum

Im Schaffensprozess von "Kommt ein Pferd in die Bar" habe es für ihn auch einen Stil- und Inhaltswechsel gegeben, beschreibt Grossman seine neue Erfahrung:  

"Ich musste mich auf die Sprache eines Stand-up-Comedians einlassen und auf diese Energie und auf dieses interessante Verhältnis, was er als Künstler zu seinem Publikum unterhält. Einerseits flirtet er mit den Zuschauern, andererseits beleidigt er sie. Er tanzt einen sehr komplizierten Tango mit dem Publikum. Und diese Sprache war der Ausgangspunkt dafür, dass ich etwas anderes schaffen musste." 

Festhalten am Dialog zwischen Israelis und Palästinenesern 

Grossman geht im Gespräch auch auf sein Engagement für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern ein. Es erscheine immer hoffnungsloser, diesen Dialog anzustoßen, beklagt der Schriftsteller:

"Weil beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser, genug Gründe und Vorwände vorbringen, die diesen Dialog eigentlich unmöglich machen. Aber ich antworte darauf: 'Das alles ist kein Grund, es nicht zu versuchen.' Man muss trotzdem versuchen, an diesem Dialog in irgendeiner Form festzuhalten. Denn die Zeit wartet nicht auf uns. Wir können leider eine ständige Verschlechterung der Lage beobachten."

 

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Hanser Verlag, München 2016
252 Seiten, 19,90 Euro

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