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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.06.2014

David Foster WallaceGroßer Anspruch, begrenzte Freude

Ausstellung "Unendlicher Spaß" in der Frankfurter Schirn

Von Christian Gampert

Besucherin der Ausstellung "Unendlicher Spaß" in der Frankfurter Schirn betrachtet Maurizio Cattelans "Spermini". Die Arbeit besteht aus 250 bemalten Gummimasken. (picture alliance / dpa / Norbert Milguletz / Schirn)
Besucherin der Ausstellung "Unendlicher Spaß" in der Frankfurter Schirn betrachtet Maurizio Cattelans "Spermini". Die Arbeit besteht aus 250 bemalten Gummimasken. (picture alliance / dpa / Norbert Milguletz / Schirn)

Angelehnt an den 1500-Seiten-Roman "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace zeigt die Frankfurter Schirn eine Ausstellung, in der sie mit zeitgenössischer Kunst das Ich zwischen Euphorie und Depression präsentiert.

Am eindrücklichsten ist die Videoarbeit von Andrea Fraser: Die Künstlerin agiert Teile ihrer eigenen Psychoanalyse – auf der einen Leinwand als Therapeutin, auf der anderen Leinwand (und in der anderen Ecke des Raumes) als Patientin. Das scheint mittlerweile durchaus die Regel zu sein: Wir therapieren uns selbst. Und wir casten uns selbst, vermarkten uns selbst, optimieren uns selbst.

Dieses Motiv taucht in zahlreichen Arbeiten der Ausstellung auf, und auch in David Foster Wallace' Roman spielt ja die Leistungsgesellschaft in Form einer Tennis-Akademie (und einer Drogenklinik als deren Kehrseite) eine Hauptrolle.

Für den Kurator Matthias Ulrich war allerdings mehr die verworrene, nicht-lineare Erzählweise des Romans die Initialzündung: Er wollte eine Ausstellung machen, so labyrinthisch wie dieser Roman, und sie sollte von den Verführungen des Digitalen, vom ständigen Selbstdarstellungszwang und auch vom Scheitern des Individuums erzählen – mit wichtigen Arbeiten der Gegenwartskunst.

Eine Ausstellung wie ein Labyrinth

"Das hat sich einfach angeboten. Das hat Foster Wallace auch so aufgebaut, mit zahlreichen Protagonisten, die mal auftauchen und dann wieder weg sind. Ganz direkt hatte ich sofort die Idee, dass diese Ausstellung sich wie ein Labyrinth anfühlt, und sich jede Arbeit ihren eigenen Raum schafft."

Ein Gefühl der Enge beschleicht einen vor allem in jenem Gebilde, das Joep van Liefland konstruiert hat: In den schmalen Gängen seiner Installation drängen sich Regale voller VHS-Kassetten. Offenbar hat hier jemand manisch gesammelt, und zwar vorzugsweise Trash. Schade nur, dass die VHS-Technologie mittlerweile überholt ist und die ganze Mühe umsonst war.

Dieses Moment der Beschleunigung, der ständigen Erneuerung von Technik durchzieht diese Ausstellung - aber auch der Zwang zur permanenten Neuerfindung des Ich. Der Amerikaner Ryan Trecartin, sichtbar ein Digital Native, setzt uns in ein Bühnenbild aus Sperrmüllmöbeln und Gitterbetten und bombardiert uns dann mit einem hysterischen Selbstdarstellungsvideo, das sämtliche sexuelle Identitäten, sofern überhaupt noch vorhanden, durch den Kakao und in die Fragmentierung zieht.

Sound, Nonsense und Medienschrott

Dies ist die Abteilung "Beeindruckungs-Kunst": Der Zuschauer wird überschüttet mit Information, Sound, Nonsense, Medienschrott. Auch Josh Kline arbeitet so: durch die Übereinander-Projektion mehrerer Bilder reanimiert er die tote Whitney Houston und lässt sie ein völlig normiertes Interview geben.

Viel traditioneller jene Künstler, die noch, wie Peter Coffin, einen bunten Strauß Luftballons auf einer Achterbahn fahren lassen – ist hübsch anzusehen und geht immer im Kreis. Oder die sich selbst vervielfältigen wie Maurizio Cattelan, der 250 Miniaturporträts seiner selbst an die Wand haut, um die Fortschritte der Gentechnologie ins Gespräch zu bringen. 250 kleine Cattelans – die Frage ist, ob das tatsächlich wünschenswert wäre.

Oder jene Künstler, die tatsächlich noch ganz altmodisch malen, obgleich sie es nicht unbedingt gelernt haben – wie Daniel Richter. Drei seiner Großformate gibt es in der Ausstellung: die "Army of Traitors", eine Karawane blutiger Gestalten im Schnee; dann eine Szene aus der Frankfurter Taunus-Anlage, die in den 1980er-Jahren die Treffpunkt und Vorhölle der Rauschgiftsüchtigen war – dargestellt in den Farben eines Nachtsichtgeräts. Und die Rückenansicht eines Rockers (von 2006), der den schönen Spruch "Fuck the Police" auf der Lederjacke trägt. An solchen Bildern sieht man, sagt Kurator Matthias Ulrich, was sich alles geändert hat.

Revolution gibt's auch bei H&M

"Ich denke, es ist wichtig, bei Daniel Richter etwas über politische Realität zu lernen, auch wenn das verkürzte Blicke sind. Aber sie handeln alle von einer Utopie, von einer Befreiungsidee. Der lonely old slogan in Form eines einst Krawall verursachenden Mottos ist heute bei H&M erhältlich."

Wenn es die Revolution aber bei H&M gibt und die Verkaufs- und Selbstdarstellungsrituale im Internet jeden einzelnen von uns tendenziell überfordern, dann gibt es nicht viel zu lachen. Und so zeigt diese Ausstellung auch eine gewisse Ermüdung der Postmoderne. Wir sehen etwa ein zum Kreis geknautschtes Fahrrad von Alicja Kwade und einen Filmabspann von Ceal Floyer, der aus lauter Leerzeichen besteht. Wirklich originell ist das nicht. Lara Favaretto bläst mit Windmaschinen Konfetti durch die Luft wie im Kinderland – viel Wind um wenig. Und das Künstlerduo Fulvia Carnevale und James Thornhill, das unter dem geheimnisvollen Namen "Claire Fontaine" firmiert, schlitzt Tennisbälle auf und steckt Botschaften und kleine Gegenstände rein.

So befördern die Anverwandten von Strafgefangenen ihre Geschenke über die Gefängnismauern. Muss man wissen. Aber Kunst, die ständig erklärt und beredet werden muss, der fehlt der entscheidende Dreh. Ergo: Unendlich groß ist in dieser Ausstellung der Anspruch, aber der Spaß hält sich in Grenzen.

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