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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.02.2012

Dauerhölle der Geschichte

Wolfgang Sofsky: "Todesarten", Matthes & Seitz Berlin, 2011

Von Eduard Beaucamp

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Mit der Studie über die "Ordnung des Terrors" hat der Sofsky ein Standardwerk geschrieben. (privat)
Mit der Studie über die "Ordnung des Terrors" hat der Sofsky ein Standardwerk geschrieben. (privat)

In seiner jüngsten Publikation beschäftigt sich Wolfgang Sofsky mit dem Grauen und der Schönheit, die von bildlichen Gewaltdarstellungen ausgehen. Auch mit diesem Buch untermauert er seine Grundannahme, nach der die Anwendung von Gewalt die Menschheitsgeschichte bestimmt.

Mittelalter oder Barock sind uns gar nicht so fern. Auch wir lassen uns fesseln, ja überwältigen von Darstellungen des Schrecklichen und sind zugleich entsetzt über Grausamkeiten und Passionen. Nur ist heute der heilsgeschichtliche Rahmen verloren gegangen. Früher waren die Martyrien und Gräuel Warnung und Abschreckung. Sie dienten als Faustpfänder des Heils und der Erlösung.

Buchcover "Todesarten" (Matthes & Seitz)Buchcover "Todesarten" (Matthes & Seitz)Ein Rest von diesen Funktionen blieb freilich übrig: Wir schauen dem Grässlichen und Extremen auch deswegen mit "Angstlust" ins Gesicht, um uns nicht von heilen Fassaden täuschen und uns den Blick in die tiefsten Abgründigkeiten des Lebens nicht nehmen zu lassen.

Wolfgang Sofsky analysiert die "Bilder der Gewalt" mit größter Eindringlichkeit. Er hat sie in thematischen Gruppen zusammengefasst: vom tragischen Mensch-Tier-Verhältnis (den Schlacht- und Jagdbildern) über "Menschenopfer", "Qualen und Strafen", "Freitod", "Mord und Kampf" bis zum "Krieg".

Das klingt alles makaber und grausig. Aber Sofsky wühlt nicht in Gräueln und blutigen Sensationen. Er beschreibt haarscharf die gemalten, gezeichneten und modellierten Folterungen, Hinrichtungen und Todeskämpfe und legt damit äußerste Energien und Grenzsituationen des Lebens frei. Allein der historische Bogen von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart beweist, dass über die Unausweichlichkeit des Todes hinaus die Gewalt und ihre Entladungen anthropologische Konstanten sind und zur Triebmotorik gehören.

Das konnten weder sittliche noch kulturelle Evolutionen disziplinieren. Wir wollen die Gewalt mit Mythen, Religionen, Bildern oder Gesetzen bändigen und entfesseln sie zugleich immer wieder, wenn wir sie, etwa mit "gerechten" Exekutionen und "guten" Kriegen, bekämpfen. Das ist die Dauerhölle der Geschichte, aus der es keine Rettung gibt.

Was an Sofskys Essays fasziniert, ist die Genauigkeit und Bildnähe seiner Analysen. Hier werden nicht nur historische Umfelder, Bildprogramme und Werkstrukturen umsichtig sondiert und künstlerische Praktiken erkundet. Sofsky dringt tief ein in die Motivationshaushalte und Nervensysteme der Künstler, die solche Bilder schaffen.

Dabei ergeben sich sonderbare Durchblicke und Berührungen in extremis: Caravaggio schreibt seine Signatur in die Blutlache des enthaupteten Johannes. Bei Eugène Delacroix "sträubt sich das Chaos des Kampfes gegen die Darstellung", das Gemetzel will kompositorisch bewältigt werden. Chaim Soutine versinkt beim Anblick und in der Wiedergabe blutigen Fleisches "mit breiten Strichen, Pinselschlägen und Wischbewegungen" in eine Art Trance. Der Höllenschlund auf Bildern des Mittelalters entfesselt kannibalistische Fantasien.

Francis Bacon gibt seinen Figuren statt Schatten "farbige Ausflüsse" an die Seite und identifiziert in der Darstellung des Selbstmords seines Freundes die letzten Zuckungen des Lebens mit den Bewegungen des Pinsels. Stefan Lochner entfaltet ein Panorama der Gewalt, wenn er die Apostelmartyrien mit kalter Dramaturgie Tafel für Tafel choreografiert. Schließlich: Otto Dix macht, so Sofsky, auf seinem Schlachtfeldpanorama des Ersten Weltkriegs "die Schöpfung rückgängig" und lässt "die Elemente wieder eins werden".

Trotz mancher Grenzgänge besteht Sofsky auf kategorialen Unterschieden:

"Bilder der Gewalt sind niemals die Gewalt selbst".

"Pixel oder Pinselstriche bluten nicht."

"Ein Gemälde, das amputierte Gliedmaßen zeigt, stinkt nicht nach Verwesung."

Bilder, so heißt es vorweg, entmachten die Gewalt, und eine Darstellung des Bösen "ist keine buchstäbliche Wiederkehr des Bösen". Die Kunst, so könnte man sagen, entfesselt die Gewalt - und bannt sie im selben Augenblick.

Doch die stärksten Partien des Buches finden sich da, wo heikle Annäherungen diagnostiziert und beschrieben werden. Wirklich erschreckende Grenzüberschreitungen finden erst in der zeitgenössischen Aktionskunst statt. Die aber hat keinen Einlass in Sofskys Buch gefunden.

Wolfgang Sofsky: Todesarten. Über Bilder der Gewalt
Matthes & Seitz Berlin, 2011

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