Dienstag, 13.04.2021
 

Studio 9 | Beitrag vom 02.03.2021

Dauergast im Flughafen BERDer Passagier, der nicht abfliegt

Von Christoph Richter

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Norbert Kowarzyk vor dem Gebäude des Flughafens BER. (Deutschlandradio / Christoph Richter)
Dauergast im BER: Der tägliche Weg zum Flughafen ist für Norbert Kowarzyk zum lieb gewonnenen Ritual geworden. (Deutschlandradio / Christoph Richter)

Er wirkt ein bisschen wie ein gestrandeter Seemann: Tag für Tag sitzt der Rentner Norbert Kowarzyk im Wartebereich des Flughafens BER und geht seinem Alltag nach. In der Coronazeit ist der Flughafen für ihn ein Zufluchtsort geworden.

"Meistens sitze ich hier. Öffne meinen Laptop, schaue, was es Neues gibt von der Corona-Front."
– "Lesen Sie auch Bücher?" – "Ja, in der Tat. Heute habe ich den Frank Schätzing mit seinem neuen Buch aufgeschlagen."

Norbert Kowarzyk, 67. Graue Haare. Warmer freundlicher Blick. Er kommt fast jeden Tag hierher und macht es sich dann in einer Nische an einer der im warmen Nussbaum gehaltenen Check-in-Inseln gemütlich. Sein Lieblingsplatz:

"Es gibt nur die zwei mittleren, innen liegenden Sitzreihen, die sehr angenehm sind. Wenn Sie nach meinem Lieblingsplatz fragen, dann hier. Weniger da drüben bei den längeren Sitzreihen. Das ist klein und heimelig. Hier hat es auch eine Steckdose, falls ich einfach mal das Laptop über Strom laufen lasse."

Wohlfühlort Flughafen

Kowarzyk trägt eine schwarze Flanellhose, roten Pullover, Barbour-Jacke. Um den Hals hat er sich ein feines Seidentuch gebunden. Der kleine Rechner liegt bequem auf seinem Schoß, die Finger huschen über die Tastatur. 

2688319670_BER-Dauergast - Im Flughafen .JPG (Deutschlandradio / Christoph Richter)Sein zweites Wohnzimmer: Wie ein gestrandeter Seemann sitzt Norber Kowarzyk Tag für Tag im Wartebereich des Flughafens BER. (Deutschlandradio / Christoph Richter)

In Zeiten der Pandemie ist der Hauptstadt-Flughafen BER für ihn sein Wohlfühlort, um nicht so allein zu sein, um etwas Abwechslung vom monotonen Alltag zu haben, wie er sagt. Weil ja alle Cafés, Kinos und Theater geschlossen haben. Der BER bietet ihm Trost. Für ihn ein Ort des geselligen Verweilens.

"Es ist das Leben drum herum, ohne dass ich allein auf einer Parkbank sitzen muss. Und lese, zum Beispiel", begründet Kowarzyk.

Tag für Tag im Terminal

Der 67-jährige Rentner kommt fast täglich zum Flughafen. Ohne abzuheben, ohne ein Flugticket in der Hand. "Ich habe hier einfach so eine Hülle, die mich an Normalität erinnert. Weil, diese Zeit, Corona mit diesen Einschränkungen, das ist schon sehr herb."

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Norbert Kowarzyk wirkt tiefenentspannt. Er lächelt. Ruht in sich. Er macht in der Abflughalle des BER Dinge, die andere in der heimischen Küche oder im eigenen Wohnzimmer erledigen. Er schreibt Mails, telefoniert, liest oder schaut Filme in der kürzlich eröffneten gläsernen Abflughalle.

Die Flughafenansagen, der wenige Trubel um ihn rum, stören ihn wenig, bis gar nicht, sagt er: "Ja, absolut. Es sei denn, es passiert vor Ihnen etwas. Doch, doch, das kann man unbedacht hier tun."

Er hat die weite Welt gesehen

Kowarzyk ist kein schräger Vogel. Ganz im Gegenteil, er ist der bodenständige warmherzige Nachbar von nebenan. Mit seinem grauen Vollbart sieht er ein bisschen aus, wie ein gestrandeter Seemann. "Corona macht einsam, das ist man zu Hause. Ich bin ledig. Hier bekomme ich einfach das Gefühl der gemeinsamen Zeit."

Der Sohn eines Postbeamten und einer Schneiderin war zeitlebens als Erzieher unterwegs, erzählt er. Seinen ersten Job hatte er in einem Jesuitenorden, im Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Dort blieb er aber nur für ein Jahr. Dann ging es ins Allgäu, nach München, weiter nach Fürstenfeldbruck, Nordrhein-Westfalen.

Von dort zog es ihn in die weite Welt. "In Italien und Singapur arbeitete ich in einer deutschen Schule. Ich war Kindergartenleiter." Die letzten Berufsjahre hat er in Mühlenbeck bei Berlin gearbeitet. Als Angestellter im Internat des Berufsförderwerks Berlin-Brandenburg.

Zeitlebens war Kowarzyk unterwegs. Selbst nennt er sich einen "unruhigen Geist". Reisen, Losziehen. Weiterziehen. Die Ferne hat ihn immer gelockt. Gern würde er wieder verreisen, sagt er wehmütig. Jetzt ist er aber ein Corona-Gestrandeter. Die Abflughalle ist seine gute Stube. "Könnte man sagen. Ein sehr großzügiges Wohnzimmer."

Das ewige Kommen und Gehen fasziniert ihn

Zum Essen bringt er sich nichts mit. Dafür geht Kowarzyk in einen kleinen Supermarkt im Untergeschoss des Flughafens. Ab und zu trinkt er in einem kleinen Imbiss ein Café und erinnert sich, dass ihn Orte des Kommens und Gehens wie beispielsweise Bahnhöfe schon als Kind fasziniert haben.

"Ich erinnere mich, dass ich da oft mal hingegangen bin. Die Züge, die da wegfuhren, waren für mich die weite Welt. Ich musste ja bleiben und die Züge durften wegfahren. Jetzt ist das so hier mit dem Flughafen."

Corona macht ihm Angst

Corona hat seine Lebensplanung durcheinandergebracht, erzählt er noch. Jetzt im Rentenalter wollte er nur noch die Sommer in Deutschland verbringen. In den kalten Wintern sollte es in den warmen Süden Asiens gehen. Doch genau das hat ihm die Pandemie verhagelt. Kowarzyk ist ein Reisender, der auf der Stelle tritt, nicht vorankommt:

"Im Moment ja. Jetzt bin ich etwas gefangen. Abgehängt. Ich wüsste jetzt auch gar nicht, wo ich hinsollte. Dieses Corona macht mir in meinem Alter auch Angst. Ich wüsste auch gar nicht, in welchem Land ich mich aufhalten wollte. Da erscheint mir der Flughafen BER noch der sicherste Ort."

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