Seit 10:05 Uhr Lesart

Mittwoch, 26.06.2019
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Im Gespräch | Beitrag vom 25.05.2019

Dauerbaustelle SchuleWas macht guten Unterricht aus?

Jürgen Kaube und Ulrike Kegler im Gespräch mit Katrin Heise

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein rechtshändiger Junge und ein linkshändiges Mädchen der 1. Klasse der Goethe-Grundschule in Potsdam üben am Montag (22.08.2011) im Unterricht unter Anleitung der Klassenlehrerin das Schreiben der "Eins" an der Tafel. (picture alliance / Jens Kalaene)
Was sollen die Kinder lernen - und wie? Darüber diskutieren wir in der Sendung "Im Gespräch". (picture alliance / Jens Kalaene)

Jürgen Kaube von der "FAZ" findet, dass die Schule Schüler herausfordern soll. Die Pädagogin Ulrike Kegler erteilt Noten erst ab der achten Klasse. Ihr Schulkonzept sorgte bundesweit für Aufsehen.

"Die Schule muss die Schüler vor Schwierigkeiten stellen. Es darf nicht leicht sein zu erfüllen, was sie verlangt", sagt Jürgen Kaube, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Autor des Buchs "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?". Das Kerngeschäft von Schule sei, Bildung zu vermitteln: "Worum es geht, ist der Versuch, Schwierigkeiten interessant zu machen und zu lehren, dass man bei den Sachen verweilen muss, damit sie einem was sagen. Das gelingt nicht, wenn sie angesichts der Fülle im Unterricht abgehakt werden müssen, in bulimischem Lernen kurzzeitig angeeignet werden – um danach in sofortige Vergessenheit zu versinken."

Brauchen Lehrer mehr kreativen Freiraum?

Schulen müssten mehr sein als "biografische Warteräume". Das Erziehungsziel bestehe darin, "aus Kindern Personen zu machen, indem man sie befähigt, nachzudenken, etwas zu verstehen, zu argumentieren und sich zu artikulieren." Kaube, selbst Vater von zwei schulpflichtigen Kindern, misst dabei den Lehrerinnen und Lehrern eine Schlüsselrolle bei: "Der Lehrer macht den Unterschied, oder die Lehrerin, – und zwar mit unterschiedlichen Konzepten von Unterricht." Statt Schulen mit immer neuen Reformen zu zermürben, solle man ihnen mehr Freiraum lassen. Sein Appell: "Schule mal zehn Jahre lassen, wie sie ist. Die Vorstellung, man könne sie optimieren durch die nächste Reform, ist verrückt."

"Der wesentliche Faktor ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis"

"Wer Beziehungen stark macht, macht Schule gut", sagt Ulrike Kegler. Die Reformpädagogin leitete von 1995 bis Anfang 2019 die staatliche Montessori-Oberschule in Potsdam und sorgte mit ihrem Konzept bundesweite für Aufmerksamkeit. "Der wesentliche Faktor ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis."  Wie dieses Verhältnis gelingen kann, beschreibt sie in ihrem Buch "Lob den LehrerInnen". "Wir wissen, dass sich das Verhältnis von Erwachsenen und Kindern entspannt, wenn die Beziehung der Lehrerinnen und Lehrer zu den Schülern ehrlich und zugewandt ist. Und wenn die Kinder das Gefühl haben, sie gehören dazu und sie müssen nicht befürchten, dass sie ausgestoßen werden, zum Beispiel aufgrund von schlechten Zensuren." Deshalb gibt es in Keglers Schule bis zur achten Klasse keine Noten.

Schule als "Basislager"

Ihr Ansatz: Die Schule soll ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch "Basislager" sein. "Das Lösen wirklicher Aufgaben kann nicht in einem artifiziellen Raum passieren. Unsere Kinder gehen viel raus: in die Natur, gemeinsame Aktivitäten in der Landwirtschaft, im Handwerk. Das hilft ihnen später, richtige Probleme zu lösen in der Gesellschaft. ´Fridays for Future` macht es vor."

Was ist eine gute Schule?
Darüber diskutiert Katrin Heise heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Ulrike Kegler und Jürgen Kaube. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de.

Literaturhinweise:

Ulrike Kegler: "Lob den Lehrer*innen. Wer Beziehungen stärkt, macht Schule gut. Ein Weckruf"
Beltz-Verlag, 2018, 256 Seiten, 17,95 Euro

Jürgen Kaube: "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?"
Rowohlt Berlin, 2019, 336 Seiten, 22 Euro

Im Gespräch

Autorin Ina MilertDen Drogentod der Tochter verarbeiten
Ina Milert sitzt vor einer dunklen Wand und schaut zur Seite. (Niels Starnick/Bild am Sonntag)

Ina Milerts einzige Tochter Lea geriet mit 13 Jahren an die falschen Freunde und wurde drogenabhängig. Fünf Jahre und mehrere Entzugstherapien später sprang sie von einer Brücke und starb. Lea Milert hat jetzt ein Buch über Lea geschrieben.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur