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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.09.2016

Dauerbaustelle Kölner Dom"Seit über 100 Jahren keinen Tag gerüstfrei"

Von Moritz Küpper

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Ein Gerüstbauer arbeitet in Köln auf einem Gerüst am Nordturm des Domes. (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Was wäre der Kölner Dom ohne beständige Denkmalpflege? (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

Etwa 19.000 Euro kostet die Instandhaltung des Kölner Doms – täglich. Seit Jahrhunderten wird an der Kirche restauriert und renoviert. "Wenn der Dom fertig wird, geht die Welt unter", scherzen die Kölner selbst. Ist ein Ende abzusehen?

Es hört sich ein wenig an, wie beim Zahnarzt, doch bei der Arbeit von Stephan Wieczorek geht es nicht um ein Gebiss, sondern um den Kölner Dom. Der Steinmetz sitzt in seiner Werkstatt unterhalb der Domplatte. Sorgfältig schleift er mit einem kleinen Bohrer den Sandstein ab, schabt einen mit Bleistift vorgezeichneten Bereich aus.

"Das ist eine Kreuzblume, für den Südbereich des Domes."

Im Hintergrund rauschen Maschinen, Wieczorek ist schwer zu verstehen. Dennoch: Wie lange dauert die Arbeit an so einer Kreuzblume? Wieczorek lächelt:

"Das ist ein bisschen relativ, weil ich hier für die Lehrlingsarbeit zuständig bin. Das Stück habe ich schon ein Jahr draufliegen."

Dann muss er weitermachen. Doch es wird klar: Am Kölner Dom denkt man langfristig. Eher in Jahren, als in Wochen oder Monaten.

157 Meter hoch, 140 Meter lang, 80 Meter breit

"Der Kölner Dom ist ein ziemlich großes Bauwerk und ein ziemlich empfindliches Bauwerk."

Matthias Deml, Kunsthistoriker, ist seit fast 20 Jahren für die Belange der Öffentlichkeit bei der Dombauhütte zuständig. Er steht im Schatten der großen Kathedrale, weist auf das Kirchenschiff:

"Wir haben mit den Strebebögen, mit den Strebepfeilern, sehr filigrane, der Verwitterung an allen vier Seiten ausgesetzte Elemente, die stark bewittert werden. Das heißt: Man muss sich um einen solchen Bau auch wirklich immer kümmern. Würde man hier 20-30 Jahre lang nichts tun, dann wären die Verwitterungsschäden wahrscheinlich so groß, dass man beginnen müsste, erste Bereiche des Domes und der Domumgebung zu sperren."

Das wichtigste Wahrzeichen: Blick auf die Stadt Köln. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Das wichtigste Wahrzeichen: Blick auf die Stadt Köln. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Und das will man nicht. Denn: Der Dom ist eines der meistbesuchten Touristenziele in Deutschland – und das Wahrzeichen von Köln. 157 Meter hoch, 140 Meter lang, 80 Meter breit – ein Bauwerk, das gepflegt werden muss – und zwar seit Jahrhunderten. Nach seiner Fertigstellung nach einer 632-jährigen Bauzeit im Jahr 1880 dauerte es noch fast zehn Jahre, bis alle Gerüste abgebaut waren, da es noch Korrektur-Arbeiten gab.

"In den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts gab es einen kurzen Zeitraum, wo der Dom relativ gerüstfrei war oder die Gerüste nur relativ versteckt am Dom zu sehen waren. Anfang des 20. Jahrhunderts fiel der erste Stein vom Kölner Dom wieder runter. Es wurde die Dombauhütte wieder aufgestockt, man begann mit den Restaurierungsarbeiten und seitdem war der Dom, also seit über 100 Jahren keinen einzigen Tag gerüstfrei."

Durch jahrelangen Baustopp zwei Baustile

Gut 100 Mitarbeiter zählt die sogenannte Dombau-Hütte, auf deren Werkräume Deml herunterschaut:

"Hier sind in erster Linie untergebracht unsere Steinmetzen, unsere Bildhauer, unsere Schreinerei, unsere Glasrestaurierungswerkstatt, die Glaser, Glasmaler, Schmid und Schlosser."

Fast jeder Handwerksberuf ist vertreten, dazu wird selbst – unter der Leitung von Stephan Wieczorek – ausgebildet. Es sei wichtig, das Gebäude und seine Eigenarten zu kennen. Denn: Natürlich steht der Dom unter Denkmalschutz. Durch einen mehrere hundert Jahre langen Baustopp finden sich am Dom sogar zwei Baustile, nämlich Merkmale der Gotik, als auch der Neugotik.

Die Kölner Altstadt - vom Dom aus gesehen. (Deutschlandradio / Andreas Diel)Die Kölner Altstadt - vom Dom aus gesehen. (Deutschlandradio / Andreas Diel)

Etwa 19.000 Euro kostet die Instandhaltung des Bauwerks – am Tag. Finanziert wird das vor allem vom Zentral-Dombau-Verein zu Köln, einer Mitglieder-Organisation, sowie vom Kölner Erzbistum. Auch das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln geben Geld. Deml macht sich auf den Weg zum Aufzug:

"Eine der großen Baustellen am Kölner Dom ist momentan der Nordturm."

In rund 80 Meter Höhe müssen Witterungsschäden an überlebensgroßen Engel-Figuren behoben werden, das Eisen in dem Bauwerk muss durch Edelstahl ersetzt, Fugen ausgeputzt und Kriegsschäden repariert werden.

"Dann sollte das erstmal hundert Jahre halten"

"Das ist ein Projekt, das begonnen hat Ende der 90er-Jahre, ich glaube 1996 wurde das erste Hängegerüst aufgebaut. Inzwischen hängt das dritte von insgesamt acht benötigten Gerüsten."

Das von der Domplatte aus gut sichtbar ist. Deml, am Aufzug angekommen, betritt die Kabine, schließt die Tür

Er drückt einen Knopf: Etage fünf, 42 Meter hoch.

Ruckelnd geht es nach oben.

Der "Dicke Pitter", die größte Glocke des Kölner Doms. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)Der "Dicke Pitter", die größte Glocke des Kölner Doms. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Ein Gerüst mit Holzbrettern führt in die Kathedrale. Deml zeigt die überlebensgroßen Engel-Figuren:

"Die sind nicht erneuert worden, auch wenn die jetzt ganz hell und weiß sind, sondern die sind vorsichtig gereinigt worden, mit einer Schlemme."

Das Gerüst ist weitergewandert, auf dem Weg einmal um den Nordturm herum. Mittlerweile sind die nächsten Engel dran – und dann? Wieder von vorne?

"Naja, dann sollte das erstmal hundert Jahre da oben halten. Mindestens."

"Wenn der Kölner Dom fertig wird, geht die Welt unter"

Der Kunsthistoriker führt durch das Dach des Domschiffs, verlässt den Innenraum und geht einen schmalen Gang an der Außenfassade entlang. Denn: Über all die Jahrhunderte hat der Dom sich durch die Renovierungsarbeiten auch verändert. Deml zeigt nach unten:

"Wenn wir hier rüber blicken Richtung Bahnhof, dann sehen ganz vorne einen Strebebogen. Das ist eigentlich mein Liebling unter dieser Kategorie schöpferische Denkmalpflege."

Normalerweise müsste die Verzierung aus in Stein gemeißeltem Blattwerk bestehen.

"Und anstelle dieses Blattwerks sehen wir dort insgesamt elf kleine Männchen sitzen. Das sind alles Mitarbeiter der Kölner Dombauhütte in den 60er-Jahren."

Die dort verewigt wurden. Auch der Geißbock des 1. FC Köln findet sich beispielsweise an der Fassade wieder, genauso wie Weltpolitiker Chrutschow, Kennedy und de Gaulle oder ein Funkemariechen aus dem Kölner Karneval. Seit einigen Jahren ist allerdings Schluss mit der schöpferischen Denkmalpflege.

Am Kölner Dom sind Fußballer-Figuren angebracht. (deutschlandradio.de / Moritz Küpper)Am Kölner Dom sind Fußballer-Figuren angebracht. (deutschlandradio.de / Moritz Küpper)

"Das ging bis etwa 1980, dann hat sich die Denkmalpflege am Dom wieder gewandelt und die Devise war: So, ab jetzt stellen wir bitte wieder alles in den originalen Formen des Mittelalters beziehungsweise des 19. Jahrhunderts her."

Doch letztendlich, das wird bei diesem Besuch in gut 50 Meter Höhe klar, geht es immer weiter. Der Dom, eine dynamische Dauerbaustelle? Deml nickt:

"Es gibt ja das schöne Sprichwort der Kölner: Wenn der Kölner Dom fertig wird, geht die Welt unter. Und insofern kann ich beruhigen: Solange es die Welt gibt, muss auch am Kölner Dom gearbeitet werden."

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