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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.10.2012

Das Zeitalter der "Post-Privacy"

Kunsthalle Schirn in Frankfurt zeigt "Privat"-Ausstellung

Von Christian Gampert

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Blick in die "Privat"-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (dpa / picutre alliance / Boris Roessler)
Blick in die "Privat"-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (dpa / picutre alliance / Boris Roessler)

In Zeiten von sozialen Netzwerken und Online-Communitys scheint nichts mehr privat zu sein. Eine Ausstellung in Frankfurt widmet sich der immer mehr schwindenden Privatsphäre. Gezeigt werden Arbeiten zeitgenössischer Künstler wie Ai Weiwei, Leo Gabin, Andy Warhol und Merry Alpern.

Dass das Private öffentlich werden solle, war eine der vornehmsten Forderungen der Studentenbewegung. Sie wurde schon in den 1960er-Jahren vorbildlich erfüllt von der Boulevardpresse, die den Stars und den Royals nur allzu gern bis ins Schlafzimmer gefolgt wäre, davor dann aber bisweilen haltmachen musste.

Im digitalen Zeitalter haben sich die Grenzen nun nochmals verschoben: Wer von sich Privatestes ins Netz stellt, der wird nicht mehr glücklich werden; und wer von anderen unfreiwillig fotografiert und dann im Netz gemobbt wird, der ist ein armer Hund.

Gibt es das Private denn überhaupt noch? Hat es sich nicht schon längst aufgelöst im digitalen Voyeurismus? Die Frankfurter Ausstellung spricht vom Zeitalter der "Post-Privacy und schaut anfangs nostalgisch - und ein wenig belustigt - zurück auf Tagebücher, Fotoalben und familiäre Super-8-Filme, wo man bis in die Anfangsjahre der alten Bundesrepublik das ganz Persönliche aufzeichnete.

Gleich das erste Kunstwerk von Christian Marcley zeigt uns dann drastisch, was das früher einmal war, das Private. Man steht vor einer Holztür, und dahinter gibt es Geräusche, die uns eigentlich nichts angehen.

WEINEN

Soll man eingreifen? Trösten? Oder die Privatsphäre achten? Aber es wird noch schlimmer:

STREIT

Das, so sollte man denken, ist ein Fall für die Polizei. Oder für den Sozialarbeiter. Und doch, es beruhigt sich wieder:

STÖHNEN

Keine Angst, die Frankfurter Ausstellung ist kein Pornoschuppen. Aber sie zeigt uns gleich zu Beginn, dass das Private eigentlich eine Grenze darstellt - und dass diese Grenze sich völlig aufzulösen beginnt.

Diese Entwicklung beginnt in den 1960er-Jahren. Das bürgerliche Individuum, das in der Neuzeit ja zunächst seine Privatsphäre gegen den immer zugriffswilligen Staat erkämpft hatte, drängt nun auch als Person in die Öffentlichkeit, und zwar aus politischen Gründen. Das war auch der Ansatz der Kuratorin Martina Weinhart für ihre Ausstellung:

"Dann habe ich zurückgeschaut und diese Trennlinie verfolgt: An welchen Stellen treten Bilder des Privaten in die Öffentlichkeit? Und da war der Befund relativ schnell klar. Die 60er-Jahre waren in vielem eine Zeit, wo die Gesellschaft umgewandelt wurde. Es war die Gegenkultur, die Feministinnen, die Schwulen, die ihre privaten Lebensumstände transparent gemacht haben und nach außen getragen haben."

Das taten dann ja auch viele Künstler – und das ist der Hauptteil der Ausstellung. Andy Warhol filmt fünf Stunden lang seinen schlafenden Liebhaber, Mark Morrisroe fotografiert die schwule Subkultur und später dann sein eigenes Sterben an Aids. Nan Goldin zeigt als teilnehmende Beobachterin die New Yorker Bohème in den intimsten Momenten.

Das sind heute alles alte Bekannte, aber das war noch ein gesellschaftlicher Gegenentwurf, der dem Bürger sagte: seht, so kann es auch gehen! Aber dieses exzessive Leben, das Sich-Selbst-Zurschaustellen ist gefährlich. Das das zerwühlte dreckige Bett mit Zigarettenkippen, Flaschen, Slips und Tampons, mit dem Tracy Emin in den 1990er-Jahren berühmt wurde, zeugt auch von Leiden.

"Exhibitionismus war eigentlich ein Ort in der Kunst. Das finden wir in der Selbstdarstellung, wo Künstler an die Grenze gehen. Tracy Emin ist ein Beispiel. Wenn man sich heute die Selbstdarstellungen im Netz anschaut, dann ist es mein Verdacht, dass das heute ein weit naiverer Hintergrund ist."

Deshalb kommen Menschen, die ihr Privatleben ins Netz stellen, meist nicht ins Museum – wohl aber Künstler, die mit Bildern aus dem Netz arbeiten. Das ist die neue Strategie. Der britische Künstler Mark Wallinger zum Beispiel bespielt in Frankfurt einen ganzen Saal mit großformatigen Internetfotos, die Schlafende in öffentlichen Verkehrsmitteln zeigen. Sie liegen, hängen, fläzen da in ihren Sitzen, in skurrilen Posen, manche ganz offensichtlich schnarchend, andere kindlich dem Traum hingegeben. Sie sehen nicht wirklich vorteilhaft aus, sondern ertappt, entblößt in einem eigentlich sehr intimen Moment. Wallinger gibt diesen Leuten durch seine Inszenierung ein bisschen etwas von ihrer Würde zurück.

Andere Künstler suchen nach sozialen Mustern. Die Selbstdarstellungen junger Mädchen, die sich im Netz präsentieren, folgen auf seltsame Weise den Vorgaben der Pin-up-Industrie, und jene Frauen, die sich – in Online-Dating-Portalen - naturverbunden lächelnd neben einen Baum stellen, stehen komischerweise alle in ähnlicher Position.

Die Ausstellung ist stark durch die ungeheure Vielfalt an Positionen, von dem Hedonisten Dash Snow zu dem Sozialkritiker Richard Billingham, von Ai Weiwei, der manisch knipsend gegen die Diktatur anrennt, bis zu Leigh Ledare, der seine Mutter beim Sex fotografiert und dabei offenbar seine traurige Kindheit aufarbeitet. Die Schau endet mit einer großartigen Installation, einer flimmernden Videowand von Mike Bouchet. Er hat zehntausend Pornofilme zu einem kleinteiligen elektronischen Teppich verknüpft. Man sieht dort nicht viel – nur ein groteskes Körpergezappel: das Gezappel der Menschheit.

Weitere Informationen zur Ausstellung:
Schirn Kunsthalle Frankfurt

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