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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.06.2012

Das Wunder von Braunschweig

Ein anonymer Spender beschenkt kirchliche Einrichtungen

Von Michael Hollenbach

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Vor allem lilane 500-Euro-Scheine lässt der Spender von Braunschweig zurück. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Vor allem lilane 500-Euro-Scheine lässt der Spender von Braunschweig zurück. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Seit gut einem halben Jahr hinterlegt ein anonymer Spender Umschläge in kirchlichen oder gemeinnützigen Einrichtungen in Braunschweig. Darin: lauter 500-Euro-Scheine, meist sind es 10.000 Euro. Insgesamt hat das mildtätige Phantom bereits knapp 200.000 Euro in Braunschweig gespendet.

Armin Kraft hat es besonders gut getroffen. Der ehemalige Propst von Braunschweig engagiert sich im Ruhestand gegen die Kinderarmut und ist in den vergangenen Monaten gleich dreimal mit größeren anonymen Spenden bedacht worden. Mit Konsequenzen:

"Das ist kein Virus, sondern eine ansteckende Gesundheit. Leute sagen: Ich will nicht anonym spenden, aber spenden will ich auch."

Der Mann mit der edlen Trachtenjacke aus Leder und der schicken Fliege kommt gerade von einem 70. Geburtstag wieder. Der Jubilar hat - mit Hinweis auf den anonymen Spender - dem ehemaligen Domprediger 10.000 Euro übergeben:

"Ich bringe jährlich eine Menge Tausender zusammen, und das hat sich in der letzten Zeit durch diesen Spender erhöht. Nicht nur Geburtstage, auch Firmenjubiläen oder andere Gelegenheiten, wo viele Leute sagen: Ich will das nicht in den großen Pott schmeißen, ich will hier in Braunschweig ganz konkret helfen."

Der anonyme Spender hat seine guten Geldgaben meist mit einem Hinweis versehen, für welche konkreten Hilfen und Projekte die Euro gedacht seien. Hans-Jürgen Kopkow, Gemeindepfarrer in der Braunschweiger Südstadt, gehört auch zu den Beschenkten:

"Bei uns war das eben hinter dem Gesangbuchständer in der Kirche ... da lag das Geld nun in dem Umschlag, ohne einen Zettel, und wir haben uns erst mal nur gefreut."

Da die 20 violetten Scheine à 500 Euro in diesem Fall ohne einen konkreten Verwendungszweck waren, sollen sie nun für den Klimaschutz und für Menschen in Not verwendet werden. Der Pfarrer hofft, dass das im Sinne des Spenders ist:

"Wenn eins klar ist, dann, dass es ein religiöser Mensch ist. Ob Frau oder Mann, ob jung oder alt, darüber kann man nachdenken, aber religiös deshalb schon, weil er immer Kirchengemeinden ansteuert, oder kirchliche Einrichtungen oder Einrichtungen im Sinne der Nächstenliebe. Insofern ist, denke ich, diese religiöse Motivation mit Händen zu greifen."

Doch ansonsten rätseln die Braunschweiger. Was ist das für ein Mensch, der auf die Spendenquittung verzichtet, dem Steuerersparnis, Ruhm und Ehre egal sind; der das Geld einfach so im Umschlag in Briefkästen wirft oder im Gesangbuchständer liegen lässt? Ist es ein Spieler, dem es gleichgültig ist, ob das Geld von den Richtigen gefunden wird?

"Es hätte natürlich auch jeder mitnehmen können. Aber offensichtlich ist es der Spenderin egal, den Spaß macht sie sich, das riskiert sie. Nun weiß man natürlich nicht, ob es schon irgendwo schief gegangen ist. Aber gehen wir mal davon aus, da er es weiter gemacht hat, dass er zufrieden gewesen ist mit dem Ergebnis."

Der jetzige Domprediger Joachim Hempel, der Ende Mai die vorerst letzte Gabe des Phantoms erhalten hat, spekuliert nicht gern über die Motive des Spenders. Für ihn ist etwas Anderes wichtig:

"So ist ein Circulus entstanden, der schon atmosphärisch etwas in Gang gesetzt hat. Man redet interessanterweise über etwas Positives, man denkt auch darüber nach, dass das sinnvoll ist, was da geschieht, also die Zwecke, für die das Geld gegeben wird, sind ja durchaus aller Ehren wert. Und insofern hat sich im Betriebsklima des städtischen Miteinanders durchaus was verändert."

"Sie wissen selber, es hat Leute gegeben, die haben 500.000 oder eine Million gespendet. Das hat sozusagen einmal 'Bums' gemacht, dann war es vorbei, und dann war die Geschichte gegessen, diese Geschichte läuft seit einem halben Jahr heiß."

Und Paul Dalby, Fundraiser der hannoverschen Landeskirche, mutmaßt:

"Es könnte eine sehr intelligente Form von Werbung sein. Gerade dadurch, dass alle anderen es nicht machen, erreiche ich eine Medienöffentlichkeit. Dann wäre es intelligent gemacht."

"Das ist ja das Tollste dabei, dass dieser Mensch irgendwie für alle die Frage Umgang mit dem Geld noch mal neu ins Gespräch gebracht hat."

Alt-Propst Armin Kraft findet es nicht ungewöhnlich, dass der Spender nicht in der Öffentlichkeit stehen will.

"Ach, wissen Sie, das steht schon im Neuen Testament:

Matthäus Kap 6:

Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird's dir vergelten.

Manche Leute brauchen die Öffentlichkeit und andere scheuen sich davor, weil sie bestimmte Ängste haben."

Paul Dalby hält allerdings aus der Sicht des kirchlichen Spendenprofis wenig von anonymen Spendern.

"Es ist immer besser, ein Mensch steht dazu. Denn das kann ich in der Werbung, in der Öffentlichkeitsarbeit benennen, als zu sagen: Übrigens, da gibt es eine anonyme Spende und deshalb spende ich jetzt auch."

Dalby würde den anonymen Braunschweiger Spender gern beraten:

"Jeder Fundraiser hat ein Interesse, dass Projekte nachhaltig wirken, dass wirklich eine Wirkung entsteht, und die entsteht nicht durch eine einzige Spende, sondern idealerweise durch eine Reihe von Spenden, bis ein Projekt erledigt oder eine Wirkung entfaltet ist."

Auf jeden Fall hoffen die Einwohner der Welfenstadt auf weiteren Geldsegen des Unbekannten. Manche sprechen gern von dem Wunder von Braunschweig. Hans-Jürgen Kopkow möchte diesen Ausdruck gern vermeiden:

"Wenn wir sagen: Der Normalfall ist der, dass wir unser Geld für uns rappen, dann müssen wir uns wundern, dass einer mit seinem Geld so umgeht. Wenn allerdings selbstverständlich ist, dass man von dem Geld, was man hat und nicht braucht, an andere weitergibt, dann ist es eigentlich kein Wunder. Wenn wir von Wunder reden, machen wir deutlich, es ist etwas ganz Außergewöhnliches, und das müsste uns allerdings zu denken geben."

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