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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.05.2016

"Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen"Aufzeichnungen eines Ausgeschlossenen

Shahak Shapira im Gespräch mit Ernst Rommeney

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Shahak Shapira wurde Opfer eines antisemitischen Übergriffs. Instrumentalisieren lassen wollte er sich nicht. (Deutschlandradio - Philipp Eins)
Shahak Shapira wurde Opfer eines antisemitischen Übergriffs. (Deutschlandradio - Philipp Eins)

Mit 14 Jahren kam Shahak Shapira gemeinsam mit Mutter und Bruder nach Deutschland, aus einer israelischen Siedlung im Westjordanland in die Stadt Laucha in Sachsen-Anhalt. Jetzt erinnert er sich mit bissigem Humor an seine Jugend als Außenseiter.

Shahak Shapira erzählt, dass ihn nicht viel an Israel hielt, als die Mutter entschied, nach einer konfliktreichen Scheidung zu ihrem neuen Freund in die deutsche Provinz auszuwandern. Er sei in der Schule nicht beliebt gewesen, habe keine Freunde gehabt, auch kein gutes Verhältnis zu seinem wenig fürsorglichen Vater.

Als Außenseiter fühlt er sich auch auf dem Gymnasium in Laucha, wo er wahlweise dem Spott ausgesetzt ist, ein Ausländer oder ein Jude zu sein. Im rechtsextrem belasteten Milieu der Kleinstadt erkämpft er sich gleichwohl das normale Leben eines Jugendlichen.

Beleidigungen, Drohungen, Schläge

Shahak Shapira: "Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde" (Foto: Promo)Shahak Shapira: "Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde" (Foto: Promo)Wirklich befreien wird ihn allerdings erst die Großstadt, zunächst das Studium in Berlin, wo er noch heute als Kreativ-Direktor arbeitet. Seine Lebenserfahrung bündelt sich in einem Ereignis in der Silvesternacht 2015. In der U-Bahn wehrt er sich im Alleingang gegen judenfeindliche Pöbeleien einer Gruppe junger Männer und gerät erst in eine Prügelei und später in einen Medienrummel.

Dreierlei war für ihn entscheidend. Er war es leid, Beleidigungen, Drohungen, Schläge hinzunehmen, nur weil er Jude ist. Nicht er, sondern die "Angreifer" sollten Angst bekommen angesichts seiner Gegenwehr. Und schließlich verweist er darauf, dass gerade die Deutschen wie kein anderes Volk einen moralischen Kompass hätten, sich zu erinnern, wozu Menschen fähig seien, wenn sie hassen.

Bis heute heimatlos 

Erfahren zu haben, abgelehnt zu sein, und daraus auch nicht zu wissen, wo man zu Hause ist, dies teilt Shahak Shapira mit seiner Familie, mit beiden Großvätern beispielsweise. Der eine war ein bekannter Leichtathletik-Trainer, der in München bei der Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele getötet wurde. Der andere überlebte als einziger unter seinen Verwandten das Warschauer Ghetto und die deutsche Besatzungszeit in Polen, um schließlich nach Israel auszuwandern.

Für den jugendlichen Einwanderer des Jahres 2002 wurden die Umlaute der deutschen Sprache das "Vermächtnis des Bösen, eine letzte Bastion gegen integrationswillige Fremdvölkische". Und Shahak Shapira hat sie genommen, sonst hätte er nicht derart gekonnt all die Phrasen der Alltagssprache verwenden können, um mit viel Spott einen ersten Wurf seiner Lebenserinnerungen aufzuschreiben.

Gern nutzt er den reichen Schatz an Füllwörtern, mit denen sich gut dumm schwätzen lasse. Und konsequent vermeidet er eine relevante Schlussaussage, verabschiedet er sich lieber mit einem knappen "Tschüs"!

Shahak Shapira: Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde
Rowohlt Verlag Reinbek, 21. Mai 2016
239 Seiten, 14,99 Euro, auch als E-Book

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(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 02.02.2015)

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