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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 27.08.2012

Das Unbehagen bleibt

Der mögliche Kompromiss zur Kontrolle von Transplantationen lässt Zweifel bestehen

Von Carsten Schroeder

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Ärzte führen eine Nierentransplantation durch. (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)
Ärzte führen eine Nierentransplantation durch. (picture alliance / dpa / Balazs Mohai)

Der Kompromiss, der sich heute abzeichnet, dass es eine schärfere staatliche Aufsicht geben soll und dass Bund und Länder bei der Kontrolle mitwirken, insbesondere bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, die die zentrale Rolle spielt, scheint vernünftig zu sein. Ob das aber reicht, das erschütterte Vertrauen wieder herzustellen, bezweifelt Carsten Schroeder.

Das war schon ein mittleres Erdbeben, das Ende Juli, mitten in der Ferienzeit, die Öffentlichkeit erschütterte: Keine zwei Monate, nachdem der Bundestag eine Neuregelung der Organspende beschlossen hatte, wurde bekannt, dass in Göttingen und Regensburg Ärzte die Krankenakten ihrer Patienten offenbar so manipuliert hatten, dass sie ganz oben auf der Warteliste für eine Transplantation standen. Ob dabei auch Geld geflossen ist, ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Erschüttert wurden all die, die im Zuge der intensiven Diskussion um die Organspende über ihre persönliche Position und ihre eigene Bereitschaft nachgedacht hatten. Und das sehr ernsthaft. Einem anderen Menschen im Fall des eigenen Todes seine Organe zu spenden, ist schließlich keine Selbstverständlichkeit. Wenn das zum Spielball von Organhändlern wird, ist jegliches Vertrauen dahin. Wer ist dann noch bereit, dafür seinen Körper zur Verfügung zu stellen?

Ob sich seitdem tatsächlich weniger Bundesbürger zur Organspende bereiterklärt haben, läßt sich noch nicht nachweisen. Aber man kann es vermuten.

Auch die Ärzteschaft war über die Fälle in Göttingen und Regensburg entsetzt und sprach sich für schärfere Kontrollen aus. Noch heute forderte Frank-Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, im Deutschlandfunk, Transplantationszentren bei Manipulationsverdacht kurzfristig zu schließen.

Eines wollen die Ärzte allerdings nicht: Die Kontrolle über die Aufnahme in die Warteliste aus der Hand geben. Noch in der vergangenen Woche lehnte die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie eine primär staatliche Kontrolle kategorisch ab.

Man muss sich allerdings fragen, mit welchem Recht sollen Ärzte diese Kontrolle ausüben? Weder die Bundesärztekammer noch medizinische Fachgesellschaften sind demokratisch legitimiert. Es sind Standesorganisationen, die an erster Stelle die Interessen der Ärzteschaft vertreten.

Aber auch eine rein staatliche Kontrolle, womöglich in Form einer Organ-Behörde, wird im Ernst niemand wollen. Wenn es bei einer Transplantion um Stunden oder sogar Minuten geht, kann man Bürokratie nicht brauchen.

Der Kompromiss, der sich heute abzeichnet, dass es eine schärfere staatliche Aufsicht geben soll und dass Bund und Länder bei der Kontrolle mitwirken, insbesondere bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, die die zentrale Rolle spielt, scheint vernünftig zu sein. Ob das aber reicht, das erschütterte Vertrauen wieder herzustellen? Ein Unbehagen bleibt.

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