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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.10.2011

Das Trauma einer "verspäteten Nation"

Carlo Strenger: "Israel", Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011, 173 Seiten

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Junge Israelis feiern den Jahrestag der Staatsgründung auf den Straßen von Tel Aviv im . (AP)
Junge Israelis feiern den Jahrestag der Staatsgründung auf den Straßen von Tel Aviv im . (AP)

Leicht war es noch nie im Nahen Osten, aber so verworren und hoffnungslos wie jetzt war es seit Jahrzehnten nicht mehr. Israel baut unter einer extrem rechten Regierung immer weitere Siedlungen im Westjordanland und schafft damit Tatsachen, welche eine sinnvolle Unterteilung des Gebiets in zwei Staaten zunehmend unmöglich erscheinen lassen.

Die Palästinenser beantragen derweil einseitig vor der UNO die staatliche Anerkennung. Die Tatsache, dass der Friedensprozess im Nahen Osten, der in den 1990er-Jahren eine Zeit lang so hoffnungsvoll aussah, so spektakulär gescheitert ist, ist nicht nur für Israelis und Palästinenser, sondern auch für den Rest der Welt politisch und psychologisch schwer zu verkraften. Wie konnte sich der zionistische Traum von blühenden Obstgärten innerhalb wenig mehr als eines halben Jahrhunderts in einen solchen Albtraum permanenten und scheinbar unentrinnbaren Unfriedens verwandeln?

In seiner "Einführung in ein schwieriges Land" schildert Carlo Strenger, Professor der Psychologie und politischer Kolumnist, zunächst ausführlich die Verwerfungen innerhalb der israelischen Gesellschaft und die daraus resultierenden Probleme. Sehr anschaulich beschreibt er die wachsenden inneren politischen Spannungen und Kulturkämpfe in Israel seit der Staatsgründung.

Besonders lebhaft geraten die Passagen zu dem Konflikt zwischen religiösen und säkularen Juden. Denn Carlo Strenger, Spross einer orthodoxen Familie, der sich von der Religion abgewendet hat, kennt und versteht beide Seiten; er kann deren unterschiedliche Weltsichten sowie das extreme gegenseitige Misstrauen anekdotenreich beschreiben.

In einem zweiten Teil versucht sich Strenger als Philosoph und Psychologe an globalen Erklärungen nicht nur der israelischen Kollektivpsyche und ihrer trauma-basierten Verbohrtheiten, sondern auch der Reaktionen aus aller Welt, die Israel immer wieder auslöst: Kein anderer Staat wird für politische Fehler so radikal kritisiert, keinem anderen Staat wird seit seiner Entstehung immer wieder die Existenzberechtigung abgesprochen.

Warum dies? Während viele Autoren dies als Resultat eines – im Westen, anders als in der muslimischen Welt, nicht mehr ausdrücklichen, aber unterschwellig noch vorhandenen – Antisemitismus verstehen, versucht Strenger sich an einer historisch-psychologischen Deutung: Der jüdische Staat ist eine "verspätete Nation", er lebt seinen Nationalismus zu einer Zeit aus, da andere westliche Staaten den ihren schon hinter sich gebracht haben – mit den bekannten, zum Teil katastrophalen Folgen.

Europäische Kritik an Israel, das versucht Strenger zu zeigen, ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Schuld. Israel sei nicht nur das unmittelbare Resultat dieser Schuld, sondern auch eine unwillkommene Erinnerung daran.

Dieser Teil des Buchs ist abstrakter und weniger lebhaft-konkret zu lesen als der erste, aber immer noch gut verständlich. Insgesamt liefert das Buch zwar keine unerhörten neuen Einsichten oder gar politische Lösungen, wohl aber einleuchtende philosophisch-psychologische Erklärungen.

Besprochen von Catherine Newmark

Carlo Strenger: Israel. Einführung in ein schwieriges Land
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011
173 Seiten, 16,90 Euro

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