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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.03.2010

Das System wankt

Viele Stadttheater in Nordrhein-Westfalen sind durch heftige Kürzungen der Kulturetats bedroht

Von Stefan Keim

Fällt bald in einigen Theatern der letzte Vorhang? (Stock.XCHNG)
Fällt bald in einigen Theatern der letzte Vorhang? (Stock.XCHNG)

Im Rahmen der Ruhr 2010 lodert die Kultur im Ruhrgebiet noch einmal auf. Doch das könnte vielerorts eine Feuerbestattung werden. Vielen Theatern droht die Schließung oder der Erhalt auf unterstem finanziellen Niveau.

Wuppertal war nur der Anfang. Dort sollen nach dem Vorschlag von Oberbürgermeister und Stadtkämmerer das Schauspielhaus aufgegeben und der Etat der städtischen Bühnen um zwei Millionen Euro eingespart werden. Die Finanzlage vieler Theaterstädte in Nordrhein-Westfalen ist ähnlich desaströs, Kürzungen der Kulturetats zwischen 20 und 40 Prozent drohen in vielen Kommunen. Das weltweit einzigartige deutsche Stadttheater hat schon viele Krisen überstanden. Diesmal – sagen fast alle Intendanten übereinstimmend – geht es wirklich um die Existenz. Das System wankt.

Die neuesten Hiobsbotschaften kommen aus Essen. 7,8 Millionen Euro soll die Theater und Philharmonie GmbH bis 2013 einsparen. Das sind die Zahlen der Stadtverwaltung. Der Betriebsrat macht allerdings eine andere Rechnung auf. Wenn die Zahl der Veranstaltungen stark sinkt, gibt es deutlich weniger Einnahmen. Verbunden mit den nicht aufgefangenen Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst und weiteren Kosten rechnet der Betriebsrat mit einem Verlust von 15 Millionen Euro. Das würde laut Betriebsratsvorsitzendem Adil Laraki bedeuten, dass Essen entweder sein zur deutschen Spitze gehörendes Opernhaus, das wunderschöne Aalto-Musiktheater schließen müsste. Oder es würden alternativ Schauspiel, Ballett und die erst vor ein paar Jahren eröffnete Philharmonie dichtgemacht.

6,3 Millionen Euro geringer fällt der Zuschuss für die Kölner Bühnen im Haushaltsentwurf für 2010 aus. Gleichzeitig soll die Oper saniert und das Schauspielhaus neu gebaut werden. Wie viele andere Städte – Wuppertal ist auch hier ein finsteres Beispiel - hat Köln seine Theater über Jahrzehnte hinweg verkommen lassen. Nun hat die Kommune keine andere Wahl mehr, als tief in die Tasche zu greifen.

Solche Bauvorhaben kosten oft viel mehr als geplant und dauern häufig länger, was gerade das Gewürge um die Hamburger Elbphilharmonie illustriert. Das kann sich das marode Köln nicht leisten, der Stadtrat hat eine Deckelung der Kosten auf 295 Millionen Euro beschlossen. Doch das hat Kompromisse zur Folge, die den Neubau des Schauspielhauses infrage stellen.

Ursprünglich sollten die bisher noch in der Stadt verteilten Werkstätten und Probenräume in das neue Sprechtheater integriert werden. Was Mietkosten und viel Zeit gespart hätte. Doch das wird nun zu teuer, der alte Zustand bleibt erhalten.

Schwerer wiegt für Intendantin Karin Beier allerdings die Tatsache, dass Köln viel Geld für einen repräsentativen Bau und weniger für die künstlerische Arbeit ausgeben will. Unter ihrer Leitung wurde das Kölner Schauspiel nach langer Stagnation jedes Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. "Eben diese Produktionen wären dann gar nicht mehr machbar", sagt Beier. Das Bühnenbild für Katie Mitchells Inszenierung von Franz Xaver Kroetzens "Wunschkonzert" war ebenso teuer wie die Produktionen des dänischen Performanceduos Signa. "Solche Qualitätsspitzen würden dann abgeschnitten."

Ein Argument für den Neubau des Schauspielhauses ist auch, dass dann ein Repertoirespielplan eingeführt werden könnte, jeden Tag ein anderes Stück. Doch wenn die Mittel gekürzt werden, ist eben das laut Karin Beier nicht möglich. Sie schlägt eine Sanierung des Schauspielhauses vor, die 45 Millionen Euro weniger kosten würde. Doch dieses Geld flösse, da es aus einem anderen "Topf" kommt, nicht automatisch in die Kultur. Und hier geht es um ein grundlegendes Dilemma.

Wenn jemand privat Geld zurückgelegt hat, um sich einen neuen Stabsauger zu kaufen, der alte - mit einem neuen Schlauch versehen - aber immer noch funktioniert, ist es kein Problem, das an dieser Stelle Gesparte woanders sinnvoller auszugeben.

Aber öffentliche Haushalte funktionieren anders. Wenn Geld für einen bestimmten Haushaltsposten genehmigt wurde, kann es nur dort ausgegeben werden. Wer das nicht tut, läuft Gefahr, bei der nächsten Kalkulation weniger zu bekommen. Deshalb gibt es immer noch das Dezemberphänomen, dass Geld vor Ablauf eines Haushaltsjahres "weg muss". Im Angesicht der Finanzkatastrophe ist das mehr als fragwürdig.

Die Städte müssen flexibler denken und das wenige Geld dort einsetzen, wo es notwendig ist. Die Haushaltskrise mit wegbrechenden Gewerbesteuern und höheren, durch die Bundesregierung aufgebürdeten Ausgaben hat an vielen Orten ein ähnliches Gesicht. Aber im Detail müssen die Kommunen für ihre Kultur unterschiedliche Strategien entwickeln.

Bleiben wir zunächst in Köln: Eine Stadt dieser Größe sollte den Anspruch haben, überregional auszustrahlen. Natürlich könnte Karin Beier – oder eine andere Intendantin – alles eine Nummer billiger machen und das Haus mit weniger aufwändigen Produktionen füllen. Doch damit würde man die Arbeit eines der spannendsten deutschsprachigen Theater abwürgen und die Kölner Kultur nachhaltig beschädigen.

Denn die freien Bühnen spielen über die Stadtgrenzen hinaus keine Rolle, und wie sich die Oper unter dem neuen Intendanten Uwe Eric Laufenberg entwickelt, ist noch nicht abzusehen. Laufenberg befürwortet übrigens einen Neubau des Schauspielhauses und befürchtet, dass es bei einer Sanierung zehn Jahre bis zur Wiedereröffnung dauern würde.

Nun hat die Initiative "Mut zur Kultur" ein Bürgerbegehren für Erhalt und Sanierung des Schauspielhauses gestartet. Bis Mitte März muss sie mindestens 23.000 Unterschriften gesammelt haben. Dann würde der Stadtrat noch einmal debattieren. Falls er das Begehren ablehnt, käme es zum Bürgerentscheid.

Ganz anders, aber nicht weniger dramatisch ist die Lage in Duisburg. Die Stadt muss laut Anweisung des Regierungspräsidenten 150 Millionen Euro einsparen. Das Theater hat kein eigenes Schauspielensemble, ist aber der kleinere Partner der Deutschen Oper am Rhein. Duisburg zahlt ein Drittel, Düsseldorf den Rest. In der neuen Haushaltsvorlage steht, dass Duisburg 2013 seinen Zuschuss um 2,5 Millionen senken will. Das stellt die Struktur der Rheinoper infrage, zumal der Vertrag der beiden Städte ein Jahr später ausläuft und ohnehin neu verhandelt werden muss.

Andernorts wird die Zusammenarbeit als gut funktionierendes Modell gefeiert, ähnlich wie das Zweistädtetheater Krefeld/Mönchengladbach. Das drohte im vergangenen Jahr auseinanderzubrechen, weil Mönchengladbach die Tariferhöhungen nicht bezahlen wollte. Ob Fusionen und Kooperationen als Lösungsideen überhaupt taugen, steht durch diese aktuellen Entwicklungen infrage. Sicherheit bieten sie jedenfalls nicht.

Aufmerksamkeit erregte Duisburg - zumindest in den Nachbarstädten – bisher mit manchen ungewöhnlichen Projekten des Festivals "Akzente". Auch dafür ist 2011 kein Geld mehr da. Ein Jahr später soll es noch mal stattfinden und sich im Folgenden komplett über Eintrittsgelder und Sponsoring selbst tragen. In diesem Mai gibt es noch eine spektakuläre Performance von La Fura dels Baus, ein Highlight für die Kulturhauptstadt Europas. Im Rahmen der Ruhr 2010 lodert die Kultur im Ruhrgebiet noch einmal auf. Doch das könnte vielerorts eine Feuerbestattung werden.

Die Erhaltung der Spielstätten auf möglichst niedrigem finanziellem Niveau scheint das Ziel vieler Kommunalpolitiker zu sein. Die Schmach, der Totengräber des Theaters zu sein, wollen die meisten vermeiden. Debatten über künstlerisches Niveau werden dabei kaum geführt oder mit dem Unterton abgewürgt, so etwas könne man sich nun wirklich nicht leisten, wenn Kindergärten und Bäder geschlossen werden müssen.

Viele Häuser müssen die Eintrittspreise erhöhen. Dadurch werden sich in Zukunft weniger Leute einen Theaterbesuch leisten können. Was wiederum den Vorwurf auslöst, das Ganze sei ohnehin eine elitäre Veranstaltung. In manchen Städten wie im überschuldeten Hagen befinden sich die Bühnen bereits in diesem Teufelskreis.

"Wie soll es grundsätzlich weiter gehen?" Das ist für Anselm Weber, noch Intendant in Essen und ab Sommer in Bochum, die Frage. "Die Kulturdiskussion ist ja fast nebensächlich angesichts der Gesamtsituation." Viele Städte fordern eine Entschuldung durch Land oder Bund, weil sie keine Perspektiven mehr für die Zukunft sehen. Doch das wird nicht so einfach sein, denn die Kommunen haben sich in der Vergangenheit sehr unterschiedlich verhalten.

Großmannssucht und Zockermentalität würden durch eine solche große Lösung belohnt, genaues Wirtschaften bestraft. Einen zweckgebundenen Theaterfonds, ähnlich wie dem zur Rettung der Banken, fordern viele Intendanten. Doch andere bezweifeln, ob angesichts der vielen sozialen Grausamkeiten eine solche Sonderrolle der Kultur noch vermittelbar ist. Tatsache bleibt allerdings, dass Städte, die ihre künstlerischen Zentren aufgeben, veröden, zu "Verliererghettos" werden, wie Peter Carp sagt, der Intendant im überschuldeten Oberhausen

Wuppertal ist nur der Anfang. An zwei Aktionstagen Ende Januar spielte das Ensemble 24 Stunden ohne Pause, 2000 Menschen kamen trotz Eis und Schnee zu einer Demonstration zusammen. Nicht nur andere NRW-Theater, auch lokale Initiativen für den Erhalt von Bädern und Attac machten mit. Die Vernetzung ist der richtige Weg, es geht darum, Pleitestädte als lebenswerte Orte zu erhalten. Am 27. März, dem Theatertag, wollen Delegationen vieler deutschen Bühnen nach Wuppertal kommen und ihre Solidarität zeigen. Bisher hatte der bürgerschaftliche Protest Wirkung, wenn er genug Kraft und Masse entwickelte.

Doch diesmal geht es nicht um guten Willen, sondern um eine Krise größeren Ausmaßes, das Zusammenbrechen der kommunalen Selbstverwaltung. Die Städte sind nicht mehr entscheidungsfähig.

Viele Theatermacher haben bisher auf Kürzungen mit erhöhter Energie und Leistungsbereitschaft reagiert. Trotz Einsparungen wurde an vielen Bühnen mehr gespielt und produziert, bis zur Selbstausbeutung und darüber hinaus. Vielleicht braucht man heute eine neue Strategie, um die Kunst zu schützen. "Wenn bei uns gekürzt wird", sagt Karin Beier, "wird die ganze Stadt das spüren. Ich werde nicht an der Qualität streichen, sondern weniger produzieren. Dann gibt es eben mehr Schließtage, und es wird nur noch samstags und sonntags gespielt."

Die "Kurzfristigkeit der Politik" ist für Anselm Weber das Hauptproblem: "Da steckt einfach kein Plan dahinter." Dass alles so bleiben kann, wie es bisher war, glaubt inzwischen keiner mehr. Es wäre die Aufgabe der Landespolitiker, Perspektiven für die Kulturlandschaft NRW zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen. Und zwar vor der Landtagswahl im Mai. Damit man auch weiß, worüber man abstimmt.

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