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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.11.2009

Das seltsame Sexualleben der Menschen

Jared Diamond: "Warum macht Sex Spaß?", S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009, 238 Seiten

Der Sex und die Sexualität beim Menschen unterscheidet sich in vielen Punkten von dem zwischen Tieren, erklärt Jared Diamond. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)
Der Sex und die Sexualität beim Menschen unterscheidet sich in vielen Punkten von dem zwischen Tieren, erklärt Jared Diamond. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)

Dumme Frage, denkt man als erstes. Das weiß doch jeder. Nur kommt man als Evolutionsbiologe so nicht weiter. Der amerikanische Forscher Jared Diamond ist der Sache auf den Grund gegangen.

Seine Eingangsfeststellung wirkt erst einmal befremdlich, wird aber mit handfesten Daten belegt: kein anderes Lebewesen auf der Erde treibt Sex wie wir Menschen. Tiere machen es zum Beispiel öffentlich. Das käme uns nie in den Sinn. Dagegen paaren sich unsere Mitgeschöpfe nur, wenn dabei Nachwuchs entstehen soll, während der Mensch immer will, auch wenn er dabei kein Kind zeugt.

In der Tierwelt zeigen die meisten Weibchen ganz offen, dass sie gerade fruchtbar sind. Bei Frauen findet der Eisprung stattdessen verdeckt statt. Im Prinzip weiß keiner der beiden Partner, wann es soweit ist. Offenkundig dient der Sex vor allem dem Vergnügen.

Doch auch dafür muss es eine Erklärung geben und das zieht die nächste Frage nach sich: Warum gibt es so etwas wie die Ehe? Monogamie ist höchstens bei den Vögeln anzutreffen. Dagegen ist Polygamie weit verbreitet. Der Stärkste bekommt das ganze Rudel oder empfängnisbereite Weibchen paaren sich mit vielen. Da weiß kein Männchen später, ob es der Vater des Kindes ist. Jedes versucht, sooft als möglich zum Zug zu kommen, um seine Gene möglichst weit zu verbreiten. Bleibt noch die Frage, warum es Wechseljahre gibt. In der Tierwelt ist Fruchtbarkeit bis ins hohe Alter normal.

Jared Diamond macht es sich mit den Antworten nicht einfach - aus dem schlichten Grund, da sie nicht einfach sind und unter Evolutionsbiologen zudem heftig umstritten. Beispiel verdeckter Eisprung. Eine Theorie lautet, er begünstigt die Monogamie, denn der Mann bleibt zu Hause, nicht zuletzt, um sicher zu gehen, dass das Kind auch von ihm stammt. Sex sozusagen als Belohnung für Treue. Zweite Theorie: verdeckter Eisprung ermöglicht es der Frau, sich heimlich mit vielen Partner zu paaren. Keiner weiß später, wer der Vater ist, wird sich also um den Nachwuchs kümmern, als wäre es sein eigener. Für beides gibt es in der Tierwelt Beispiele. Die Evolutionsgeschichte, so Jared Diamond, legt nahe, dass beim Menschen aus Vielpartnerschaft die Monogamie hervorging.

Immer wieder findet er verblüffende Erklärungen für unser ungewöhnliches Sexualleben und unsere biologische Ausstattung. Zum besseren Verständnis der menschlichen Besonderheiten entführt Jared Diamond seine Leser immer wieder in die Tierwelt, denn dort lassen sich viele Dinge besser beobachten als beim Menschen, vor allem lassen sich Experimente durchführen, die beim Menschen als ethisch verwerflich gelten.

Genauso spannend sind aber auch seine Ausflüge in analphabetische Jäger- und Sammlergemeinschaften, die noch so leben wie ihre Vorfahren vor hunderten von Jahren. Hier fand er auch eine Erklärung für die Wechseljahre. Frauen, die keine Kinder mehr bekommen, leben einfach länger und können ihre Erfahrungen und ihr Wissen mündlich an die nächste Generation weitergeben.

Auch wenn manche Erklärung doch etwas spekulativ erscheint, so öffnet Jared Diamond einem doch die Augen für die Seltsamkeiten unserer sexuellen Aktivitäten. Auf alle Fälle gibt es da noch viel zu klären.

Besprochen von Johannes Kaiser

Jared Diamond: Warum macht Sex Spaß?
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009
238 Seiten, 19,95 Euro

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